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Ich möchte nicht auserwählt sein

Als ich klein (oder vielmehr jung) war, träumte ich davon, etwas Besonderes zu sein, anders zu sein als die anderen, herauszuragen, aufzufallen…. Heute? Heute möchte ich einfach nur ein ruhiges, ereignisloses Leben mit meinen Lieben haben, mit den kleinen Freuden des Alltags, mit Besuchen von Freunden, mit stiller Harmonie innerhalb der Familie. Ich möchte nicht auserwählt sein. Denn manchmal bringt das Auserwähltsein Angst und Schrecken mit sich, Leid und Schmerz, worauf man gern verzichten würde.

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Mit vierundzwanzig war ich glücklich und mit meinem Leben zufrieden: Ich hatte mein Studium beendet und arbeitete als freiberufliche Dolmetscherin und Übersetzerin. Ich hatte einen netten liebenden Mann und eine süße Baby-Tochter, die den Mittelpunkt meines Lebens darstellte. Sie war niedlich und meist zufrieden, schlief im Alter von zwei Monaten die Nächte durch, fing mit fünf Monaten bereits an, zu krabbeln… Um kurz zu sagen, es war alles perfekt.

Doch dann kam die Ein-Jahres-Untersuchung beim Kinderarzt. Zuerst schien alles gut zu sein, bis er den Bauch des Babys abtastete und feststellte: „Irgendwas ist nicht in Ordnung, Sie müssen mit Ihrer Tochter ins Krankenhaus.“

Eine Stunde später standen wir in der Aufnahme des Kinderkrankenhauses. Es dauerte, bis wir an der Reihe waren. Meine Tochter war unruhig, als ob sie spürte, dass irgendetwas passieren würde, irgendetwas, was schlimme Folgen haben würde.

Dann waren wir schließlich dran. Die Ultraschalluntersuchung lieferte eindeutige Ergebnisse: beide Nieren waren überwuchert von einem fremdartigen Zellgewächs. „Rufen Sie Ihren Mann an“, sagte die Oberärztin, die meine Tochter untersucht hatte, „Ihre Tochter ist schwer krank.“

Das anschließende Gespräch war kurz und schmerhaft – die Ärzte hatten eine beidseitige Nephroblastomatose festgestellt, eine gutartige Nieren-Wucherung, die schnellstmöglich behandelt werden sollte.

„Es ist kein Krebs, es ist kein Krebs“, versuchte ich, mir selbst einzureden. Trotz der intensiven Internet-Recherche, die nur wenig Hoffnung in Aussicht stellte, glaubte ich fest daran, dass die Wucherung verschwinden könnte und dass sich kein bösartiger Tumor entwickeln würde. Das waren meine Hoffnungen, das waren die Hoffnungen meines Mannes, das waren die Hoffnungen zweier Eltern, die sich nicht vorstellen konnten, ihr einziges Kind zu verlieren.

Doch wie sollten wir die Hoffnung aufrechterhalten? Woher sollten wir die Kraft nehmen, diese Strapaze zu überstehen? Warum war ausgerechnet unser Kind krank geworden? „Sie dürfen sich nicht die Frage nach dem Warum stellen“, sagte die Ärztin. Aber man möchte doch verstehen, warum gerade mein Kind erkrankt ist, warum gerade mein Kind in Lebensgefahr schwebt. Habe ich gesündigt? Habe ich Lügen erzählt? Habe ich andere Menschen bestohlen? Habe ich…? Was habe ich getan, dass ausgerechnet mein Kind erkrankt ist? Warum wurden wir auserwählt, dieses Leid zu ertragen?

Drei Tage später wurde unsere Tochter operiert: Es wurde eine Gewebsprobe entnommen, um festzustellen, ob das Gewächs gut- oder bösartig war. Das Ergebnis lieferte einen kleinen Hoffnungsschimmer – gutartig. Doch wird die Therapie anschlagen? Wird das Immunsystem des Kindes mitmachen?

Die nächste OP fand eine Woche später statt – es wurde der sogenannte Port eingesetzt, ein Behälter unter der Haut, in den die Chemotherapie verabreicht wird. Das Baby war gerade einmal ein Jahr alt und hatte bereits zwei OPs unter Vollnarkose hinter sich und eine unsichere Zukunft.

Die erste Chemotherapie dauerte zwölf Wochen, eine Zeit voller Angst und Bange. Die Ergebnisse waren positiv, die Wucherung ging zurück, jedoch nur auf der linken Niere. Auf der rechten ging das gutartige Gewächs zwar zurück, an seiner Stelle entwickelte sich jedoch ein bösartiger Tumor, Krebs, die Plage des modernen Jahrhunderts, der jedes Jahr Hunderttausende zum Opfer fallen. Wird unsere Tochter es überleben?

Die dritte OP stand an. Am Tag davor musste der Magen des Babys entleert werden. Das Kind wurde in ein Bettlaken gewickelt, damit es sich nicht bewegen konnte, und die Schläuche mit der Elektrolytlösung wurden durch die Nase in die Speiseröhre eingeführt. Die Augen, die mich anschauten, waren voller Vorwurf, also ob meine Tochter mich fragen wollte: Warum lasse ich zu, dass man ihr wehtut? Warum tue ich nichts dagegen? Warum sitze ich nur da und streichle ihren Fuß und tue nichts? Doch wie soll man einem einjährigen Kind erklären, was passiert? Dass das die einzige Chance ist, ihr Leben zu retten? Dass…?

Die OP verlief gut, der Tumor konnte entfernt werden, jedoch verlor unsere Tochter die halbe rechte Niere. Um sicher zu gehen, dass die Krankheit nicht erneut ausbrach, folgte eine zweite Chemotherapie – diesmal siebenundzwanzig Wochen lang, das sind einhundertneunundachtzig Tage. Sehr lang, sehr schwer: Gewichtsabnahme. Haarausfall. Ständige Angst vor Infektionen. Isolation. Niemand durfte uns besuchen. Wir durften niemanden besuchen. Wegen Ansteckungsgefahr. Das Immunsystem war durch die Chemotherapie so weit runtergefahren, dass jedes Virus, jede Bakterie hätte im schlimmsten Fall eine Lebensgefahr für den Körper darstellen können.

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Nach diesen einhundertneunundachtzig Tagen dann die erlösende Nachricht, dass das Kind vorläufig gesund sei, allerdings zuerst halbjährlich, dann jährlich zu Routineuntersuchungen ins Krankenhaus muss.

Jetzt fing die Zeit des Hoffens an: Hoffentlich bleibt es so, wie es ist! Hoffentlich erholt sich der Körper von den Strapazen der Chemo! Hoffentlich kann die Tochter ganz normal in den Kindergarten! Hoffentlich …! Es war eine schöne Zeit mit neuen Freunden, mit dem Kindergartenbesuch, mit einer neu gewonnenen und neu wertgeschätzten Freiheit. Freiheit, jederzeit nach draußen gehen zu können. Freiheit, liebe Menschen besuchen zu dürfen. Freiheit, das Leben einfach zu genießen.

Bis… Ja bis zur jährlichen Untersuchung im Alter von sechs Jahren. An diesem Tag zerbrachen die Hoffnungen, denn die Diagnose lautete, die linke Niere sei von einer Wucherung befallen. Am nächsten Tag wurde bereits die OP zum Einsetzen des Ports festgesetzt und ein paar Tage später wurde mit der Chemotherapie begonnen. Meine Tochter hatte zu der Zeit lange Haare (mitunter auch, um die Schrecken der letzten Chemo zu vergessen), die wir nun, da wir wussten, was uns erwartet, haben kurz schneiden lassen. „Eine Kurzhaar-Frisur, eine Jungen-Frisur bitte“, bestellten wir beim Friseur. „Hey, die steht dir gut“, sagte die Friseurin, „du bist ganz schön mutig!“, lächelte sie. Ich versuchte, zurückzulächeln, doch mein Herz blutete und weinte, denn ich wusste um das, was passieren wird und dass die Kurzhaar-Frisur das Verschlucken und das Herumwickeln der herausfallenden Haare verhindern sollte. Um die Schönheit ging es nicht.

Sieben Wochen Chemotherapie. Die Therapie schlug gut an, die Wucherung schwand. Die Ärzte hofften, dass die geschädigten embryonalen Zellen nun vollends abgestoßen werden konnten, und gaben auch uns einen Hoffnungsschimmer.

Am Tag der OP saßen wir, mein Mann und ich, im Spielezimmer des Krankenhauses und versuchten, die Wartezeit mit Kinderspielen zu verkürzen: Puzzeln. Puzzeln. Puzzeln. Nicht nachdenken. Keine Gedanken verschwenden an das, was passieren mag. Es wird gut gehen. Es sind die besten Fachleute. Unsere Tochter ist in guten Händen. Es wird gut gehen. Aber warum dauert es so lange? Die OP sollte der Aussage der Ärzte nach zwei Stunden dauern! Wieso kommt niemand und sagt uns Bescheid? Mittlerweile waren es bereits drei Stunden, seit sie im OP-Saal war. Warum sagt niemand etwas? Wo sind die Ärzte? Vier Stunden. Ich konnte das Puzzle nicht mehr sehen. Aber was tun? Ich darf nicht nachdenken! Es wird gut gehen. Es muss gut gehen! Fünf Stunden. Langsam aber sicher verloren wir die nicht vorhandene innere Ruhe. Irgendetwas musste fürchterlich schiefgelaufen sein. Seit sechs Stunden lag unsere Tochter auf dem OP-Tisch. Wir sahen keinen Arzt. Keiner konnte uns irgendetwas sagen. Was nun?

Es war vier Uhr nachmittags. Die OP hatte acht Stunden gedauert. Dann die Nachricht: „Sie können Ihre Tochter nun besuchen, aber sie schläft noch.“

Intensivstation. Das Kind schlief, sah aber friedlich aus. Trotz der Kabel, durch die ihr kleiner Körper an unzählige Maschinen angeschlossen war. „Könnten wir einen Arzt sprechen? Kann uns jemand eine Auskunft geben?“, fragten wir. Der Arzt kam. Der Arzt, der unsere Tochter operiert hatte. „Leider hat die OP länger gedauert als geplant“, sagt er, „aber auch die Ärzte sind keine Götter, die Wunder vollbringen können.“ Dann: „Die linke Niere war durchsetzt von Krebszellen, wir mussten sie leider vollständig entfernen. Ihre Tochter hat nur noch eine halbe Niere. Sie muss viel trinken. Wir müssen hoffen, dass sie kein Nierenversagen erleidet. Wir müssen hoffen…“

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Der Rest des Gesagten ist meiner Erinnerung entschwunden. Das einzige, was geblieben ist, ist der Satzanfang „Wir müssen hoffen…“. Wie ein Gebet wiederhole ich ihn jeden Tag. Wir müssen hoffen, dass der menschliche Körper ein Wunder vollbringen kann! Wir müssen hoffen, dass die medizinische Forschung in großem Ausmaß vorangetrieben wird! Wir müssen hoffen, dass es einen Gott gibt, der über uns wacht und unserer Tochter eine Zukunft bescheren mag, in der sie das Leid und den Schmerz und die Krankheit vergessen und ein frohes, glückliches, erfülltes Leben führen kann! Wir müssen hoffen, dass wir nicht auserwählt wurden, besonderen körperlichen und geistigen Torturen standhalten zu müssen! Wir müssen hoffen, dass wir ein ruhiges, ereignisloses Leben mit unseren Lieben haben, mit den kleinen Freuden des Alltags, mit Besuchen von Freunden, mit stiller Harmonie innerhalb der Familie!

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Morgen ist die nächste Untersuchung…

Jeder seines Glückes Schmied?

 

Kapitel 1

 

Auch in der heutigen Zeit gibt es viel Unheil. Dies musste Ken am eigenen Leib spüren. Er lebt in Amerika und passt sehr gut in die heutige Zeit. Ken ist religiös, war gut in der Schule und beendete seine Polizeiausbildung als Bester. Darauf folgten viele Beförderungen und nun ist er in einem Amt, in dem er viele Angestellte hat und selbst nur für die Leitung verantwortlich ist. Nach 15 Jahren im Beruf sagt man ihm nach, er habe bis auf ein paar Fälle am Anfang seiner Kariere und ein paar aussichtslose Fällen jeden gelöst. Mit seinen 35 Jahren hat er es also beruflich bereits weit gebracht. Er hat auch die Zeit gefunden, eine Familie zu gründen. Diese besteht aus ihm, seiner 32-jährigen Frau und seinen drei Kindern. Es ist nicht klar, ob sein Erfolg zu seiner Lebenseinstellung geführt hat oder ob diese zu seinen Erfolgen geführt hat, allerdings ist er der Meinung, eigenverantwortlich für sein Glück zu sein.

Ken ist auf dem Weg zum Büro. Es ist 7:40 Uhr. Um 8:00 Uhr beginnt seine Schicht. Er hat zwar nur noch einen kurzen Weg ins Büro zu gehen, aber trotzdem beeilt er sich. Dort angekommen, erkennt er das Büro nicht wieder. Alle sind am Arbeiten, auch wenn ihre Schicht bereits um ist. Ken erfährt, dass Fortschritte in vielen ungeklärten Fällen gemacht wurden und dass diese zusammenhängen sollen. Daraufhin spricht er mit seinem Assistenten. „Über welche Fälle handelt es sich dabei überhaupt?“, fragt Ken. „Es geht um sieben geplante Morde. In zwei Fällen waren Sie der Oberinspektor“, sagt sein Assistent, „Wir sind kurz davor, ihren Unterschlupf zu lokalisieren, und stellen schon ein Team bereit.“ „Ich werde es leiten!“, erwidert Ken.

Heute passiert wohl alles sehr schnell. Schon im gefühlten nächsten Moment ist Ken am Einsatzort.

Kapitel 2

 

Ken und sein neunköpfiges Team stehen vor einer großen Lagerhalle. Ken gibt ein Handzeichen und sie stürmen los. Damit das Team möglichst effizient arbeiten kann, teilt es Ken in vier Gruppen und lässt diese an verschiedenen Orten nach den Tätern und den Beweisen suchen. Es gibt drei Zweierteams und eine Gruppe, die bloß aus Ken besteht. Ken hat Angst, dass die Kriminellen schon weg sind, da der Ort seiner Meinung nach ausgeräumt aussieht. Er hat allerdings ein ungutes Gefühl dabei. Nun ist er in einem Flur im Keller. Plötzlich hört er Stimmen. Er meldet es seinem Team, geht aber schon alleine vor. Auf einmal schließt sich die Tür hinter ihm und er bekommt sie nicht mehr auf. Im Schatten scheint etwas zu sein. Als er es erkennt, durchzieht der Schock seinen ganzen Körper. So schlecht ist es ihm bei einem Einsatz noch nie ergangen. Aus dem Schatten kommt ein Mann mit einem Kind im Griff. Es ist Kens sechsjährige Tochter. An ihrer Schläfe hält der Täter eine Pistole. Hinter dem Mann geht ein Fernseher an. Auf dem Bildschirm ist seine Frau zu erkennen, auch auf ihren Kopf ist eine Waffe gerichtet. Der Mann bittet Ken, seine Waffe hinzulegen. Ken hat einen inneren Konflikt. Als er von dem Mann erneut aufgefordert wird, läuft ihm eine Träne über das Gesicht. Er bewegt langsam seine Waffe zu Boden, doch kurz davor schießt Ken in Richtung des Mannes. Die Situation spitzt sich zu, nicht nur, dass er nicht aus dem Raum hinaus kann, er hat auch noch verfehlt. Der Mann richtet die Waffe nun auf Ken. Das Mädchen schreit und weint. „Ken, wenn du noch eine falsche Bewegung machst, kann ich nicht für die Sicherheit deiner Tochter garantieren. Wir können dies auch auf eine Weise lösen, von der wir beide etwas haben. Du bekommst deine Tochter und deine Frau unverletzt zurück und du wirst nie wieder etwas von uns hören, wenn du bloß sagst, dass dieser Fall eine Sackgasse ist und die Ermittlungen eingestellt werden. Du bist der Oberinspektor und musst nur wenigen Auskunft über deine Entscheidung geben.“ „Sie scheinen viel über mich zu wissen. Dann sollte aber auch klar sein, dass ich darauf nie eingehen könnte.“ Ein Schuss ertönt. Das Geräusch kommt allerdings aus dem Fernseher. Auf dem Fernsehbildschirm sieht er seine Frau mit dem Kopf zur Seite gelehnt, mit leblosen Augen und viel Blut. Kens Tochter schreit umso lauter. Er ist sprachlos. Doch aus der Trauer wird Wut. Die Ader auf seiner Stirn pocht und wird größer. Der Mann hat ein selbstgefälliges Lächeln aufgesetzt, guckt nach unten und sagt: „Jetzt sehen Sie ja, was ein „Nein“ zur Folge hat. Wie entscheiden Sie s...“ Noch bevor der Mann zu Ende sprechen kann, zückt Ken eine zweite, kleinere, schwarze Pistole aus seinem Hosenbein und schießt auf den Mann. Beim Hinfallen drückt der Mann mit letzter Kraft noch ab. Ein Schuss ertönt. Danach ist es still. Die Tochter hört auf zu schreien. Ken stürzt auf dem Boden. Er ist sehr kalt. Inzwischen stürmen die anderen Polizisten zum Ort des Geschehens. Sie finden dort ihren Gruppenleiter mit den Nerven am Ende, kniend vor zwei Leichen. Ken dreht sich langsam um. Er fängt an, in Richtung der Polizisten zu gehen. Sie wollen ihn festhalten und mit ihm reden, doch er lässt es nicht zu und wird schneller. Voller Zorn und Trauer rennt er aus dem Gebäude. Das einzige, woran er denkt, sind seine zwei übrigen Kinder.

Kapitel 3

 

Kens Haus steht fünf Kilometer Richtung Norden. Um diese Zeit sollten seine Frau und seine drei Kinder im Haus sein, spielen, Hausaufgaben machen und das Haus säubern. Eventuell würde seine Frau schon anfangen, das Abendessen zu kochen, doch der Herd ist aus. Ein Teddybär liegt auf dem Boden im Kinderzimmer. Die anderen Spielzeuge sind noch im Schrank. Die Schulranzen liegen noch gepackt im Flur. Auf dem Esstisch stehen noch Teller und Becher vom Frühstück, obwohl dieser bereits für das Abendessen gedeckt sein sollte. Man sollte Unterhaltungen, den Fernseher oder das Lachen hören, doch es gibt nur Stille. Plötzlich hört man doch etwas. Es ist ein Schreien. Jemand ist am Weinen. Es ist Ken. Er steht vor seiner geöffneten Haustür. In diesem Zustand geht er durch das Haus und legt sich auf das Sofa. Als er auf sein Handy guckt, sieht er viele unbeantwortete Anrufe, die er wohl in seinem benommenen Zustand nicht gehört hat. Sein Handy beginnt zu klingeln. Es ist eine unterdrückte Nummer. Er lehnt ab und ruft bei der Arbeit an. Das einzige, was er sagt, ist: „Der Fall ist eine Sackgasse. Außerdem kündige ich.“ Er legt auf und geht zu einer abgeschlossenen Vitrine. In der Vitrine stehen viele Schnäpse. Mit dem Fuß tritt er das Glas ein und nimmt sich einen Whisky. Er nimmt drei große Schlucke. Sein Handy klingelt. Es ist die Nummer seines Assistenten. Das Display zerspringt in 1000 Teile, nachdem Ken mit aller Wucht auf das Handy tritt. Es folgen viele weitere Tritte, bis er es gut sein lässt und von dem Handy nicht mehr viel übrig ist. In seinem Kopf dreht sich alles darum, wie es wohl den Kindern geht. Er will sie unbedingt zurückbekommen. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Zettel, den Ken erst jetzt bemerkt. Darauf steht eine Adresse und ein kurzer Text: „Hier sind Ihr Sohn und Ihre Tochter. Wenn Sie kooperieren, können Sie sie hier abholen.“ Ken stürmt zu seinem Auto und fährt, so schnell und so betrunken wie noch nie, zu der angegebenen Adresse. Dabei sorgt er fast für zwei tödliche Unfälle und das Auto bekommt ein paar Kratzer in den frisch gewachsten Lack. Nun steht er heute zum zweiten Mal vor einer Lagerhalle. Diese sieht von außen noch heruntergekommener und dreckiger aus. Ken rennt mit mäßiger Geschwindigkeit in Schlangenlinie durch einen Gang. Dabei schreit er mit zitternder Stimme immer wieder: „Ich habe getan, was Sie wollen! Ich gebe auf! Bitte gebt mir meine Kinder zurück!“ Der nächste Raum ist dunkler. Ken braucht nur wenig Zeit, um sie zu erkennen. Im Raum liegen zwei Kinderleichen. In dem Augenblick, in dem er seinen ältesten Sohn erkennt, kommt alles wieder hoch. Er weint bitterlich und fängt an, zu schreien, er muss sich übergeben und schreit weiter: „Warum hast du mich verlassen, Gott?“ Nach einer halben Stunde steht Ken auf, nimmt einen Schluck Whisky und schreit: „Wieso passiert mir das?! Wieso tust du mir das an, Gott?!“ und rennt hinaus. Seine Flasche ist nach kurzer Zeit leer und er geht in eine Bar. Anschließend wandert er durch Gossen, immer mit dem Gefühl, dass er verfolgt wird.

Kapitel 4

 

Am nächsten Morgen wacht Ken in der Gosse auf. Er ist von oben bis unten dreckig, aber das interessiert ihn jetzt nicht. Das, worüber er nachdenkt, ist wichtiger. Soll er Rache an der kriminellen Organisation nehmen oder flüchten?

„Ich sollte wieder zur Polizei gehen und den Fall lösen... Das ist so typisch für mich... Ich verbeiße mich in einen Fall und denke, mit Mühe erhalte ich das, was mir zusteht, mein Glück... Aber wohin hat mich das gebracht? Das mit dem Gedanken, dass man eigenverantwortlich für sein Glück ist, ist doch Schwachsinn! Ich habe NICHTS mehr!... Nichts mehr zu riskieren... Ich kann sie damit doch nicht durchkommen lassen!... Ich habe aber auch nichts zu gewinnen... In meinem Job war ich so gut... Es bringt alles nichts. Rückzug ist erstmals die einzige Möglichkeit. Rache kann ich immer noch nehmen.“

Also beschließt er, sich nach Mexiko zurückzuziehen. Er steigt in sein Auto und fährt los. Es vergehen viele Stunden. Als er Hunger bekommt, hält er an einer Raststätte an, isst und trinkt. Es wird dunkel und er beschließt, an einen Ort zu übernachten, den er gut kennt. Mit seiner Familie ist er schon oft in den Ferien dort gewesen. Es ist ein Mittelklasse-Hotel in San Diego. Er checkt ein und geht auf sein Zimmer. Dort will er sich eigentlich schlafen legen, doch er kann nicht einschlafen. Deshalb beschließt er, an einen Ort zu gehen, den er und sein Bruder früher oft abends besuchten, und auf das scheinbar endlose Meer zu schauen. Als er sich auf den Weg macht, fällt ihm auf, dass ein paar hundert Meter vor ihm zwei Leute gehen, die scheinbar das gleiche Ziel haben. Es ist ein großer Mann und ein kleines Kind. Dies bringt Ken zum Überlegen. „Das Kind könnte im gleichen Alter sein wie meine jüngste Tochter. Der Mann wird wohl ihr Vater sein. Das könnten genauso gut ich und mein Kind sein. Aber ganz so ist es nicht.“ Auch dieser idyllische Ort von früher kann nicht verhindern, dass er sehr traurig wird und die ersten Tränen fallen. Nun ist er am Aussichtspunkt angekommen. Es ist ein großer flacher Stein, der kurz vor einer Klippe steht und unter ihm nur noch Wasser. Es sieht aus, als wenn Gott den Stein als Bank mit wunderschönen Ausblick schuf. Auf dem Stein sitzen das Kind und der Mann. Ken will fast schon gehen, aber aus irgendeinem Grund geht er zu ihnen hin. Vielleicht interessiert es ihn, wer wohl auch auf die Idee gekommen ist, um diese Zeit zu dieser Stelle zu kommen. Ken sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass noch jemand diese Idee hat.“ Der Mann erwiderte lachend: „So mancher würde wohl sagen, dass es Zufälle gibt, doch daran glaube ich nicht. Ich denke, Gott hat es so gewollt. Genauso wie dieser Stein. Es ist, als wenn Gott ihn aus einem unerfindlichen Grund als eine Bank mit wunderschönem Ausblick schuf. Früher war ich oft mit meinem Bruder hier.“ Ken ist stutzig. Er fragt sich, wer der Mann ist und geht um den Stein. Als er das Gesicht des Mannes und das des Kindes sieht, kann er es nicht fassen. Er steht bewegungslos mit fragenden, offenen Augen dort, bis er mit Tränen in den Augen und vor Freude jubelnd auf die beiden zustürmt. Der Mann ist Kens Bruder Bill und das Kind ist Kens jüngstes Mädchen, Emma. Nach Minuten der Freude und Begrüßung fragt Ken, wie es dazu kam, dass Emma noch lebt, und was Bill hier macht.

Kapitel 5

Ken wacht am nächsten Morgen im Hotel auf. Anschließend macht er sich fertig und geht zum Frühstück. Dort trifft er Bill. Bill ist schon ein Tag länger im Hotel. Sie diskutieren miteinander ihre nächsten Schritte. Ken entschließt sich endgültig, keine Rache mehr zu nehmen, da er nun wieder eine Familie zu verlieren hat. Ken und Bill kommen zu dem gleichen Entschluss, dass die Organisation wohl vorerst nicht mehr hinter ihnen her ist, aber auch, dass sich dies schnell ändern könnte. Auch Bill hat Erfahrung in solchen Dingen, da er, bis er sich entschied, Religion zu studieren, auch Polizist war und dies auch sehr erfolgreich. Sie entscheiden sich, nach Mexiko zu flüchten. Da sie sehr nahe der Grenze sind, ist dies kein Problem. Sie verkaufen Bills Motorrad bei einem schmierigen Händler und leeren ihre Konten. Bill, Ken und Emma steigen in Kens Auto und fahren über die Grenze und dann die Küste entlang. Sie lassen sich dabei viel Zeit, schließen mit ihrem Leben in Amerika ab und bereiten sich auf ihr neues vor. Nach zwei Stunden kommen sie in einer großen Stadt namens Ensenada an. Dort kaufen sie von ihrem Geld neue Klamotten und Lebensmittel. Anschließend mieten sie sich für eine Woche in einem Hotel ein. Während dieser Woche erweitern sie ihre Brocken Spanisch und informieren sich über gute, zivilisierte Städte in Mexiko und kaufen sich neue Pässe.

Kapitel 6

 

Die Tragödie ist nun Jahrzehnte her. Bill und Ken haben neue Familien in Mexiko gegründet. Bill hat eine schöne, religiöse Frau namens Francine geheiratet. Sie ist Amerikanerin. Kens Frau ist eine Mexikanerin namens Frida. Sie ist ebenfalls sehr schön und jung. Zusammen haben sie ein weiteres Kind bekommen. Es ist ein Junge namens Ricardo. Inzwischen ist er 6 Jahre alt. Ken selbst war früher sehr religiös, doch er stellte seinen Job über alles, sogar über seine Familie. Während der Tragödie bezweifelte er oft, ob es einen Gott überhaupt gibt. Doch nun hat er wieder zur Religion zurückgefunden. Nun hat er auch eingesehen, dass Arbeit kein Glück bringt, sondern die Familie. Er glaubt aber immer noch daran, dass jeder selbstverantwortlich ist für sein Glück, und er behauptet, dass das, was ihm passiert ist, das beste Beispiel sei. Wenn er eine Sache bereut, dann dass er die wahre Bedeutung erst so spät herausgefunden hat.

Bills Geschichte

 

Bill erklärte Ken, nachdem Ken ihn auf dem Stein traf, wie es dazu kam.

Bill war an dem Tag der Tragödie mit seinem Motorrad auf dem Weg, um Ken zu besuchen. Als er in die richtige Straße einbiegen wollte, kam ihm ein rennender, schreiender Junge entgegen. Er fragte, was los war, und der Junge antwortete, dass Männer in sein Haus gekommen waren und seine Mutter mitgenommen hatten. Der Junge und seine kleine Schwester Emma flüchteten in sein Kinderzimmer und kletterten aus dem Fenster. Doch Emma fiel vom Fenster zurück ins Zimmer und wollte es nicht noch einmal probieren, also versteckte sie sich im Schrank. Bill ahnte, dass es sich um Kens Kinder handelte, aber er dachte, sie hätten etwas missverstanden. Also schlichen sich beide in die Nähe des Hauses. Bill stellte sein Motorrad dort ab. Er sah, dass schwarze Wagen vor dem Haus standen und dass die Haustür offen war. Der Junge sollte im Versteck auf ihn warten und Bill wollte zur Sicherheit Emma auf dem Schrank holen. Das Fenster stand noch offen. Dadurch gelang Bill ins Zimmer. Im Schrank war tatsächlich Emma, die vor Angst weinend in der Ecke des Schranks stand. Bill konnte sie beruhigen und nahm sie mit. Als sie auf dem halben Weg um das Haus waren, kam ihnen der Junge entgegen. Er war außer sich und schrie um Hilfe. Es fiel ein Schuss. Bill hielt Emma die Augen zu und rannte mit ihr in die entgegengesetzte Richtung. Als Bill um die Autos schlich, wurde er entdeckt und rannte zu seinem Motorrad. Aus den anderen Straßen kamen noch mehr von den schwarzen Wagen, also fuhr Bill mit Emma im Arm durch fremde Gärten. In einem war ein kleines Mädchen. Sie begann zu schreien, als Bill mit seinem Motorrad durch den Garten fuhr. Als sich Bill umdrehte, sah er die Männer, wie sie das auf dem Boden liegende, schreiende Mädchen mitnahmen. Sie dachten wohl, dass Emma vom Motorrad gefallen war. Bill überlegte sich ein sicheres Versteck und fuhr schon am gleichen Tag nach San Diego.

Stille

Sonntag, 2.6.2005, 10:00

Es war Sonntag und Jessy Walter war gerade heute 18 Jahre alt geworden. Zu ihrem Geburtstag hatte sie endlich ihr eigenes Auto bekommen.

Als Jessy am Morgen aufgestanden und die Treppe runtergegangen war, wurde sie von ihren Eltern – die einen Kuchen mit 18 Kerzen gebacken hatten – erwartet. Sie freute sich, nahm den Kuchen entgegen und ging damit in die Küche. Als dann ihre Eltern Jessy die Augen verbanden und sie vor die Tür führten, fing Jessy an, sich zu freuen. Sie bekam also doch noch etwas. Plötzlich blieben ihre Eltern mit ihr stehen und zogen ihr die Augenbinde ab. Jessy blinzelte und blickte dann auf etwas Sonnengelbes mit einer Schleife, ihr stockte der Atem und sie drehte sich zu ihren Eltern um. Ihr Vater schwenkte einen Schlüsselbund hin und her.

„Ja, das ist nun dein ganz eigener Wagen“, meinte ihre Mutter zu Jessy.

„Mein Auto...?“, stammelte Jessy.

Ihre Eltern nickten ihr nur zu. Auf Jessys Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Sie schaute zu ihrem Auto und fiel dann ihren Eltern um den Hals.

„Danke! Danke! Das habe ich mir schon immer gewünscht!!“

„Bitte, mein Schatz!“, sagte ihre Mutter.

Auch ihr Vater meinte: „Gerne doch, Jessy. Gefällt dir denn das Auto?“

Jessy drehte sich um und schaute sich ihr neues Auto genauer an. Es war ein kleiner Citroen C1, außerdem war er gelb – ihre Lieblingsfarbe.

„Ja, sehr gut!“, sagte Jessy lächelnd zu ihren Eltern.

Ihr Vater reichte ihr die Schlüssel.

 

Sonntag, 2.6.2005, 15:00

Kurze Zeit später saß Jessy in ihrem Zimmer. Sie schwenkte ihren Blick immer wieder auf ihren Schlüsselbund. Es war doch wirklich ihr eigenes Auto, es war noch so unglaubhaft, fand Jessy.

„Jessy, gleich kommen deine Großeltern zum Kaffeetrinken, vergiss das bitte nicht?!“, rief ihre Mutter Sabine aus der Küche.

„Ja, ich weiß!!“, rief Jessy zurück.

Im Geheimen dachte Jessy: „Och nee, auf das Kaffeetrinken habe ich ja mal so gar keine Lust, dann sitzen wir da, essen Kuchen und reden und reden.

Eigentlich mochte Jessy ihre Großeltern und freute sich immer, wenn sie die Gelegenheit bekam, sie zu sehen. Aber heute wollte Jessy nur mit ihrem eigenen Auto eine Spritztour machen und endlich die Freiheit genießen, alleine, ohne eine Begleitperson zu fahren. Aber davon konnte sie ihre Mutter wahrscheinlich nur schwer bis gar nicht überzeugen.

Naja, dann würde sie eben nach dem Kaffeetrinken eine Spritztour machen, das war ja schließlich auch in Ordnung.

„Genau, rede dir das ruhig ein, irgendwann glaubst Du das dann selber“, schrie ihr das kleine Teufelchen auf ihrer linken Schulter ins Ohr (wer hatte den denn gebeten, seinen Senf dazu zu geben?)

„Also ich finde ihre Entscheidung sehr richtig“, mischte sich jetzt auch noch das kleine Engelchen auf Jessys rechter Schulter ein.

„Ach Quatsch, soll die doch einfach abhauen und das Kaffeetrinken sausen lassen“, das war wieder das Teufelchen.

„Aber dann sind ihre Verwandten enttäuscht von ihr. Das Abhauen ist hier nicht die Lösung“, meldete sich jetzt wieder das Engelchen zu Wort. „Hallo, ich bin auch noch hier und nach meiner Meinung fragte hier keiner!!“, dachte Jessy.

Auf einmal gab ihr Handy eine schrille Melodie von sich und kündigte so den Eingang einer SMS an. Sofort verschwand ihr Gewissen in Form des Teufels und des Engels. Jessy nahm ihr Handy vom Schreibtisch und schaute auf das Display. Eine SMS von ihrer Freundin Sahra.

Herzlichen Glückwunsch zum b-day!!

Und hast du schon was bekommen??

Jessy ließ sich mit ihrem Handy in der Hand auf ihr Bett sinken und schrieb zurück

Dankeschön!

Ja, habe doch tatsächlich ein eigenes Auto bekommen.

Soll ich dich zu einer Fahrt abholen??

Das ist ja echt cool!

Nein heute kann ich leider nicht, du weißt doch Familientreffen.

Achja stimmt.

Naja dann ein andern Mal!

Klar gerne!

Bis morgen in der Schule.

Bis morgen!

Schade, Sahra hatte also keine Zeit. Dann konnte Jessy ja auch eigentlich zum Kaffeetrinken runtergehen. Aber sie hatte keine Lust. Sie wollte nicht! Und kurzerhand beschloss sie, das Kaffeetrinken einfach ausfallen zu lassen und stattdessen ihr neues Auto zu testen. Wie das Teufelchen es ihr gesagt hatte.

„Ok“, Jessy schaute auf die Uhr, „noch eine halbe Stunde bis zu Beginn des Kaffeetrinkens, also genug Zeit um abzuhauen.“ Jessy überlegte kurz und kam zu dem Entschluss, dass sie nicht einfach gehen konnte, ohne Beschied zu sagen, wo sie war. Also ging sie zu ihrem Schreibtisch, kramte Stift und Papier hervor und schrieb eine kurze Notiz. Diese legte sie auf ihr Bett. Als Nächstes schnappte sie sich ihren Autoschlüssel und ging aus der Tür, diese schloss sie leise hinter sich. Jessy schlich die Treppe hinunter, zum Glück saßen ihre Eltern, ihr den Rücken zugewandt, auf der Terrasse. Also ging sie lese weiter. An der Garderobe nahm sie ihre Jacke und verließ das Haus. Draußen vor der Tür atmete Jessy erleichtert auf, vor Aufregung hatte sie unwillkürlich die Luft angehalten. Jessy ging die paar Schritte bis zu ihrem Auto, schloss die Tür auf, setzte sich auf den Fahrersitz und legte den Sicherheitsgurt an. Kurz bevor sie den Schlüssel im Zündschloss umdrehte, bekam sie einen Anflug ihres schlechten Gewissens (das sie bis jetzt erfolgreich verdrängt hatte). „Sollte sie wirklich einfach wegfahren? Oder doch lieber wieder aussteigen?“

„Ach, natürlich fährst du! Jetzt mach schon!“, da war wieder das Teufelchen (das Jessy ja bereits kannte), diesmal war es ganz ohne das Engelchen erschienen. War das ein Zeichen?!

„Ach, egal“, dachte Jessy, „er hat Recht.“ Sie drehte den Schlüssel um, der Motor heulte auf, spätestens jetzt mussten ihre Eltern ihr Vorhaben gehört haben. Jetzt aber schnell, bevor jemand sie noch daran hinderte, den Hof zu verlassen. Sie legt den Gang ein, löste die Handbremse und ließ die Kupplung kommen (sogar ohne den Wagen abzuwürgen) und fuhr vom Hof. Endlich fuhr sie und dass ohne irgendjemanden, der sie begleitete.

„So, wohin jetzt? Auf die Autobahn?“ Jessy freute sich. Ja, sie hatte die richtige Entscheidung hinsichtlich des Kaffeetrinkens getroffen, auch wenn sie immer noch einen Funken ihres schlechten Gewissens verspürte.

Nach etwa fünf Minuten führte der Weg durch eine Allee.

Da passierte es. Alles ereignete sich im Bruchteil weniger Sekunden.

Jessy sah gerade noch, wie jemand auf der Brücke über ihr einen Ziegelstein herunterwarf, der Stein landete nicht auf Jessys Autodach.

Allerdings hatte Jessy nur einen Augenblick, um das Geschehene zu realisieren, denn dadurch, dass der Stein kurz vor ihrem Wagen unglücklicherweise in ihrer Fahrbahn landete, kam ihr Auto extrem ins Schleudern.

„Oh nein, was soll ich denn jetzt tun?“ Ihr schossen die Tränen in die Augen.

„Wieso musste ich hier langfahren?

„Was war denn das für ein Irrer gewesen?

„Warum hat er das getan?

Solche Fragen schossen ihr durch den Kopf, doch eine Antwort wusste sie auf keine. Jessy schaffte es nicht, den Wagen wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, sie fuhr immer weiter über den Seitenstreifen hinweg und dann musste sie hilflos zusehen, wie ein Baum mit rasender Geschwindigkeit auf sie zukam.

„Hilfe, ich will noch nicht sterben!

„Es tut mir alles so Leid!

Dann wurde es schwarz vor Jessys Augen!

 

Sonntag,2.6.2005, 16:30

Dank dem Anruf eines Autofahrers wurde Jessys Unfall bei der Polizei gemeldet. Diese kam sofort, zusammen mit dem Notarzt und der Feuerwehr.

Als die Hilfskräfte an der Unfallstelle eintrafen, bot sich ihnen der Anblick eines sonnengelben Citroens, der frontal vor einen Baum gefahren war. Die Motorhaube war verbeult und fast aufs Unerkenntliche eingedrückt. Der Notarzt brachte die immer noch bewusstlose Jessy in das Krankenhaus.

Die beiden Polizeibeamten machten sich auf den Weg zu Jessys Eltern – die Adresse konnten sie aufgrund des bei Jessy gefundenen Personalausweises ermitteln – um ihnen die traurige Nachricht zu überbringen.

„Ich hasse es echt, Familien solche Hiobsbotschaften überbringen zu müssen und damit ihr ganzen Leben aus den Bahnen zu bringen“, meinte die Polizeibeamtin zu ihrem Kollegen, dieser nickte zustimmend. Die beiden klingelten und warteten, bis die Tür geöffnet wurde.

Eine Frau öffnete die Tür. Als sie die Polizei sah, rief sie: „Heinz, hier ist die Polizei!“

Sonntag, 2.6.2005, 17:15

Jessy wurde mit lautem Martinshorn und Blaulicht von dem herbeigerufenen Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht. Sie lag bewusstlos und im elendsten Zustand auf der Trage.

Alle Sanitäter waren in Hektik und rannten mit der immer noch bewusstlosen Jessy in den Schockraum, hier wartete bereits ein Ärzte-Team. Schnell wurde sie untersucht und es wurden innere Blutungen festgestellt, sodass die Ärzte eine Not-OP machen mussten.

Mittlerweile waren auch Jessys Eltern im Krankenhaus eingetroffen.

„Heinz, ich habe schreckliche Angst. Wie konnte das passieren? Und das auch noch an ihrem Geburtstag. Sie hat es nicht verdient!“, weinte ihre Mutter.

„Ich weiß es nicht, Schatz, aber bleib ruhig, es ist doch unsere Jessy, sie ist ein starkes Mädchen!“, versuchte Jessys Vater, ihre Mutter zu beruhigen.

Kurze Zeit später kam der Arzt aus dem OP-Saal. Jessys Mutter sprang von ihrem Stuhl im Wartezimmer auf und rannte augenblicklich zu ihm. Sie fragte ihn mit leiser Stimme: „Wie geht es ihr? Wie ist ihr Zustand? Ist alles gut verlaufen?“

„Jetzt bleiben Sie ganz ruhig. Der Zustand Ihrer Tochter war zum Zeitpunkt der Einlieferung sehr kritisch. Sie hatte innere Blutungen, die wir zwar erfolgreich stoppen konnten, allerdings war es eine schwere Operation, weshalb Jessy als Schutzreaktion ins Koma fiel.“

„Oh Gott!“, ihre Mutter brach verzweifelt auf dem Boden zusammen und schrie in ihre Handflächen, die sie vor Angst und Verzweiflung auf ihr Gesicht presste.

Sonntag, 02.06.2005, 21:00

Jessys Vater blieb noch einige Zeit vor der Tür zu Jessys Zimmer auf der Intensivstation sitzen. Gerade so, als wenn er es nicht verkraften konnte, Jessy in ihrem Zustand zu sehen. Er war vollkommen abwesend und durch den Schock bleich wie die Wand hinter ihm.

Jessys Mutter bekam eine Beruhigungsspritze und ruhte sich noch eine Weile in einem Krankenzimmer aus. Als sie langsam wieder zu Bewusstsein kam, ging sie zu ihrem Mann. Sie schauten sich stumm an, dann gingen sie zu Jessy in das Zimmer.

Ihnen bot sich ein Anblick von Apparaten, die piepsten, und Schläuchen, darunter lag ihre Tochter. Sie sah sehr zerbrechlich aus und erschien klein und fast verloren in ihrem Krankenbett. Bei diesem Anblick presste sich Jessys Mutter die Hand vor den Mund, ihr stiegen die Tränen in die Augen. Sofort war Heinz hinter ihr und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. „Alles wird wieder gut, Jessy ist eine Kämpferin! Das weißt Du doch!“ Ihre Mutter dreht sich um und lächelte schwach, dann nickte sie leicht.

Spät an diesem Abend verließen die beiden das Krankenhaus und fuhren schweren Herzens nach Hause.

Kurz nach der Ankunft klingelte das Telefon, Sahra war am Telefon. „Hallo, hier ist Sahra. Sagen Sie mir bitte, dass es Jessy gut geht, sie geht nicht an ihr Handy und irgendwie habe ich schon den gesamten Tag ein mulmiges Gefühl im Magen.“ „Jessy ist“, stammelte Sabine, „sie ist mit ihrem neuen Auto verunglückt. Oh Gott, es tut so weh, darüber zu reden!“ Ihre Stimme zitterte, „Jedenfalls ist ihr Zustand sehr schlecht, sodass sie im Koma liegt. Es tut mir leid!“ „Wie bitte?! Das glaube ich nicht“, Sahras Stimme klang kratzig, so als ob sie den Tränen nahe war. „Ich werde gleich morgen früh zu ihr gehen!“ „Ja, Sahra... Je mehr nahestehende Personen bei ihr sind, umso schneller wird sie wieder zu sich kommen, da bin ich mir ganz sicher.“ „Ja natürlich, es ist doch unsere Jessy“, beide lachten, um den Schmerz für einen kurzen Moment zu kompensieren.

 

Montag, 02.07.2005, 14:00

Jessys Zustand verschlechterte sich zwar nicht, aber es wurde auch nicht besser. Jessys Mutter verfiel in Depressionen und verlor wegen ihres apathischen Verhaltens ihren Job. Jessys Vater fing an, nach der Arbeit zu trinken. Es wurde von Tag zu Tag härter. Beide saßen nur in Jessys Zimmer und schwelgten in Erinnerungen, als alles noch schön war. Sie spielten ihre Lieblingsmusik vor und hofften jeden Tag darauf, dass ein Wunder geschah.

Langsam aber sicher verloren sie ihren Glauben, aber Jessy würden sie niemals aufgeben.

 

Donnerstag, 15.01.2006, 15:00

Die Ärzte rieten Jessys Eltern, sie loszulassen und die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen.

Doch diese waren beide dagegen, egal wie schlimm es gerade aussah, die Hoffnungen blieben bestehen. Die beiden fühlen einfach, dass das nicht alles gewesen sein konnte und dass Jessys Leben hier nicht enden konnte.

Sie hatten alles so organisiert, dass sie abwechselnd an ihrem Bett wachen konnten. Sodass sie nichts verpassen würden und Jessy niemals alleine sein müsste.

Mittwoch, 20.05.2006, 12:00

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zuckte Jessys Hand kurz, eine erste kleine Reaktion von Jessy. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter bei ihr, sie ergriff ihre Hand und weinte vor Freude.

Allerdings machten die Ärzte Jessys Mutter keine Hoffnungen, denn sie meinten, eine kurze Zuckung wäre nicht ungewöhnlich bei Koma-Patienten.

Aber Sabine wusste, was sie gesehen hatte, diese Zuckung war ein Lebenszeichen ihrer Tochter und somit wäre es ein großer Fehler gewesen, sie jetzt aufzugeben, denn Gott wusste, dass Jessy alles andere verdient hatte als den Tod.

Donnerstag, 21.5.2006, 11:00

Ein Wunder war geschehen. Die Ärzte konnten Jessys Maschinen ausschalten, diese brauchte sie nicht mehr, denn Jessy war aus dem Koma aufgewacht.

Ihre Eltern hatten sie nicht aufgegeben und immer an sie geglaubt. Noch am selben Tag hatte sich ihr Zustand so verbessert, dass Jessy auf die normale Station verlegt werden konnte. Alle, die an ihrem Schicksal teilgenommen hatten, waren überglücklich.

Auch der Gedächtnisverlust, welcher teilweise bei Jessy auftrat – der aufgrund der langen Koma-Zeit aufgetreten war – würde sich nach 1 – 2 Tagen verflüchtigen, prophezeiten die Ärzte.

Jessys Familie war stark und hatte gezeigt, wie man mit einer Hiobsbotschaft umgeht.

Auch ihr zukünftiges Leben werden sie sich gemeinsam wieder neu aufbauen…

Anders als man denkt

Als Andrea mit ihrem Benz auf den Hof der Villa fährt, ist sie voller Glücksgefühle. Sie parkt vor dem Eingang und wartet darauf, dass der Caretaker ihr die Tür öffnet, damit sie aussteigen und durch das große Eingangsportal gehen kann. Sie streift ihre Schuhe ab und geht zielstrebig durch das Ess- und das Wohnzimmer, bis sie schließlich auf der Terrasse ankommt, wo sie ihren Mann erblickt und abrupt stoppt. Dieser sitzt auf einem der chromfarbenen Gartenstühle und blickt nachdenklich, wenn nicht sogar etwas betrübt, in die untergehende Sonne und scheint das gewaltige Panorama, das sich ihm bietet, nicht recht genießen zu können. Andrea denkt sich nicht viel dabei, denn Thomas starrt öfters gedankenverloren von der Terrasse auf das Meer hinaus. Freudestrahlend eröffnet sie ihm: „Thomas! Ich war heute bei Dr. Kerst und er meinte, dass es endlich geklappt hat, das Baby ist gesund und munter! Ich bin im 4. Monat schwanger!“ In ihren Augen funkelt die Freude und sie wartet schon sehnsüchtig auf seine Reaktion und darauf, dass er sie in seine kräftigen Arme nimmt und sie so fest an sich drückt, dass sie fast keine Luft mehr bekommt, doch nichts geschieht. Er sitzt weiter auf dem Stuhl und seufzt sogar. Leicht irritiert fragt Andrea: „Thomas? Was ist denn los? Ist alles in Ordnung...?“ Plötzlich durchflutet sie ein ungutes Gefühl und sie bekommt einen Kloß im Hals. „Ich“, beginnt er, „ich war heute auch beim Arzt, wegen dem Nasenbluten, weißt du? Und der hat mehrere Untersuchungen durchgeführt, wobei er auch meinen Kopf untersucht und gescannt hat. Dabei ist herausgekommen, dass ich einen bösartigen Tumor habe... ziemlich im Endstadium... nicht heilbar... noch drei Monate bleiben mir, sagte der Arzt.“ Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Ihr bleiben die Worte im Mund stecken, die Tränen schießen aus den Augen und die Euphorie ist wie weggeblasen. Sie setzt sich auf den Stuhl neben ihn und weint. Thomas nimmt seinen Stuhl, stellt ihn gegenüber, setzt sich und nimmt sie in den Arm, um sie zu trösten, und streichelt dabei ihren Rücken. Jetzt muss auch er eine Träne unterdrücken. Plötzlich springt sie auf und ist wild entschlossen, das so nicht hinzunehmen. Sie lässt den verdutzten Thomas zurück, rennt zur breiten, marmornen Wendeltreppe, hinauf in das Arbeitszimmer und schaltet den Rechner ein. Fieberhaft starrt sie auf den Bildschirm und wartet ungeduldig, bis er hochgefahren ist. Dann klackert wild die Tastatur und tausende Tabs werden geöffnet und geschlossen. Bei jedem vielversprechenden Suchtreffer glimmt Hoffnung auf, die jedoch sofort nach öffnen der Seite wieder erlischt. Dann ist sie plötzlich fündig geworden. Es gibt eine relativ kleine Medikamentenstudie, die genau auf die Krankheit ihres Mannes passt. Mit Feuer in den Augen und mit dem Eifer einer Fanatikerin springt sie vom Bürosessel auf und hechtet um den schweren Eichentisch zur Wendeltreppe und rennt hinunter. Doch mitten auf der Treppe rutscht sie aus und stürzt. Ihr entfährt nur noch ein spitzer Schrei, dann kommt sie hart auf den Stufen auf. Sie sieht noch, wie Beine auf sie zulaufen und Thomas sie anschreit, doch dann verliert sie das Bewusstsein. Als sie wieder erwacht, sieht sie eine weiß getünchte Decke und Neonlicht. Ihr ganzer Körper schmerzt und ein Auge ist so zugeschwollen, dass sie durch dieses nicht richtig gucken kann, doch an ihrer rechten Hand spürt sie menschliche Wärme. Sie dreht ihren Kopf nach rechts und sieht Thomas. Er sieht erschöpft aus. Auf seinem sonst glattrasierten Gesicht sprießen Haare hervor und seine trüben Augen umkreisen große Augenringe. Als er bemerkt, dass sie wach ist, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Es klopft an der Tür und ein Mann in weißem Kittel, mit einem Klemmbrett und einer Brille auf der Nase, kommt herein. An seinem Kittel hängt ein Schild, auf dem „Dr. Moore“ draufsteht. Er erkundigt sich nach ihrem Befinden und macht einige Notizen auf dem Klemmbrett. Dann setzt er eine besorgte Miene auf und erklärt stockend, dass das heranwachsende Baby tot ist. Diesmal weint sie nicht mehr. Sie nickt nur stumm, um zu zeigen, dass sie verstanden hat, und bittet den Doktor mit einer Handbewegung hinauszugehen. Dieser will noch etwas sagen, doch der böse Blick Thomas´ lässt ihn verstummen und aus dem Zimmer gehen. Thomas nimmt sie in den Arm und sie lehnt sich erschöpft an ihn. Leise erzählt sie Thomas: „Ich habe da im Internet eine Studie gefunden, die den Tumor vielleicht besiegen kann. Ich habe dich dort angemeldet und ihnen die Hälfte unseres Vermögens für bessere Erforschung des Heilmittels versprochen. Wenn du stirbst, dann hab ich nichts mehr, was mich glücklich macht. Also geh bitte dahin.“

Ein schlichtes „Ja“ von ihm besänftigt sie etwas, sodass sie wieder erschöpft einschlafen kann. Nach einer Woche darf sie das Krankenhaus wieder verlassen. Äußerlich ist ihr der Sturz nur noch an den blauen Flecken anzusehen. Als sie nach Hause kommt, betritt sie das leere Haus, dessen Stille und Größe sie zum ersten Mal bedrücken. Thomas arbeitet trotz seines Tumors weiter, um wenigstens ein bisschen Normalität und Alltag zu wahren. So vergehen zwei Wochen, in denen ihr alles normal vorkommt und nur die Termine für die Studie diese Idylle stören. Doch eines Abends kommt Thomas nicht wie sonst von der Arbeit nach Hause. Er ruft auch nicht an, um ihr mitzuteilen, dass es länger dauern wird. Andrea versucht, ihn auf der Arbeit zu erreichen, doch dort hebt niemand ab. Als sie versucht, ihn auch per Handy zu erreichen, geht lediglich die Mailbox ran. Dann klingelt das Telefon und sie hebt ab. „Guten Abend, spreche ich hier mit Miss Grey, der Frau von Thomas Grey?“ „Ja, wer sind sie?“ „Hier ist das St. Maria Hospital, ihr Mann ist zusammengebrochen und musste zu uns.“ „Oh Gott! Ich komme sofort. Wie geht es ihm? Wo ist er?“ „Beruhigen sie sich. Er ist außer Lebensgefahr und er ist den Umständen entsprechend stabil. Er ist auf Zimmer 216.“ Andrea legt sofort auf und bestellt sich ein Taxi. Sie streift sich schnell einen Mantel über, steigt in den wartenden Wagen ein und bitten den Fahrer, zügig zum Krankenhaus zu fahren. Dort angekommen, eilt sie zu dem besagten Zimmer, atmet nochmal tief durch und öffnet schließlich die Tür. Ihre Hände sind schweißnass vor Sorge, als sie zum Bett geht, sodass sie diese erst hastig an den Hosenbeinen abwischt, bis sie ihre Hand auf die seine legt und ihn sorgenvoll mustert. Er scheint um Jahre gealtert. Als sie ihn berührt, erschrickt sie fast vor der porösen Haut, die auf einmal sehr faltig ist. Seine Wangenknochen stechen aus dem Gesicht hervor und unterstreichen nur noch die eingefallenen Augen, die er zurzeit geschlossen hält. Fast schon wie eine Leiche liegt er da. Nur der sich hebende und senkende Brustkorb zeugt davon, dass er noch atmet. Der eintönige Piepton des Messgeräts verdeutlicht, wie schlecht es ihm geht. Aus seinen Armen und unter seinem Krankenhausgewand gucken Schläuche und Drähte hervor. Sie sitzt nur stumm da und beobachtet ihn lange und hofft, dass es alles nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Die Tür geht auf, eine Schwester will reinkommen, doch als sie Andrea sieht, kehrt sie um und verlässt wieder wortlos das Zimmer. Wenig später kommt eine Frau in das Zimmer und stellt sich als leitende Chefärztin des Krankenhauses vor. Sie erklärt sehr sachlich, dass der Tumor schneller als erwartet gewachsen ist und er nun die Teile des Gehirns erreicht hat, die für die Gelenke und die Sprache wichtig sind. Er kann jetzt nur noch zuhören und riechen. Seine Organe arbeiten jedoch noch und er kann auch noch alles essen, muss jedoch gefüttert werden, weil er quasi gelähmt ist. Andrea nickt während des ganzen Vortrags nur stumm und fragt am Ende, wann er denn nach Hause kommen kann. „In drei Tagen müsste es gehen“, antwortet die Ärztin und verlässt das Zimmer. Andrea bleibt noch ein paar Stunden, bis sie sich auf den Heimweg macht und im Kopf sich alles Mögliche zur Rettung ihres Mannes überlegt. Zuhause angekommen, organisiert sie alles, um die Villa rollstuhlgerecht herrichten zu lassen. Damit das auch in drei Tagen machbar ist, zahlt sie den Handwerken das Dreifache, damit diese alles sauber und schnell erledigen. Nachdem sie das organisiert hat, feuert sie alle Bediensteten fristlos, um Geld zu sparen, da jetzt kein Geld mehr reinkommt. Sie hat nie etwas Vernünftiges gelernt oder gemacht. Schon immer hat Thomas für sie gesorgt. Nach den drei Tagen ist alles fertig und sie holt ihren Mann nach Hause und bringt ihn auf ein eigens hergerichtetes Zimmer mit wunderbarem Blick auf das Meer und den Sonnenuntergang. Alle möglichen Ärzte und Nicht-Ärzte kontaktiert sie in den folgenden Tagen, damit ihrem Thomas geholfen werden. Dabei ist ihr kein Weg zu abwegig und kein Preis zu hoch. Bald wimmelt es im ganzen Haus von Ärzten, Schamanen, Voodoo-Zauberern und Kräuterhexen. Um diese und deren benötigte Ausrüstung bezahlen zu können, nimmt sie Hypotheken auf alles auf, was sie finden kann. Als ihr langsam das Geld ausgeht, bittet sie die Nachbarn und Freunde um Geld, doch die geben ihr keines. Keiner der Angeworbenen hat helfen können, den Tumor zu besiegen und kleiner werden zu lassen. Schließlich stirbt Thomas an einem Sonntagmorgen. Das Haus ist wieder leer, weil alle gegangen sind, da sie kein Geld mehr bekommen und auch keine Aufgabe haben. Mit dem Rest an Geld, was noch übriggeblieben ist, bezahlt sie die Beerdigung, die noch am selben Tag stattfindet. Familie haben sie beide schon lange nicht mehr, und durch die Krankheit und den Streit um das benötigte Geld für den Kampf gegen Tumor haben sie auch keine Freunde mehr. Es ist ein schöner Sommertag, als er ins Grab hinabgelassen wird. Fast schon paradox, dass die Sonne an so einem Tag so strahlen kann. Als sie von der Beerdigung nach Hause kommt, erwartet sie dort ein Mann im Anzug vor der Haustür. Als sie vor der Tür parkt und aussteigt, kommt er ihr schon entgegen und fuchtelt wild mit einem Zettel vor ihrer Nase herum. Sie hört ihm gar nicht richtig zu. Noch immer vom kürzlichen Tod geschockt, hört sie nur dumpf die Worte „Beschlagnahmt“, „Hypothek“ und „kein Besitz mehr“. Mit wilden Handbewegung scheucht er sie wie einen Straßenköter vom Grundstück und stapft danach zufrieden wieder Richtung Villa. Sie blickt noch einmal zurück auf die Villa, mit der so viele Erinnerungen verknüpft sind, und macht sich auf, um in der Stadt betteln zu gehen, damit sie was zu essen hat für die nächsten Tage. Spät nachts kommt sie dort an und geht durch die dunklen Gassen auf der Suche nach einem vorläufigen geeigneten Schlafplatz. Ein plötzliches „Jetzt!“ lässt sie aufschrecken und sie will noch fliehen, doch ein Keulenschlag trifft sie am Hinterkopf und lässt sie bewusstlos werden. Langsam kehrt ihr Bewusstsein zurück und der laut pochende Schmerz in ihrem Kopf wird langsam etwas sanfter. Als sie die Augen öffnet, sieht sie eine blaue Plane über sich gespannt und die Wände sind mit Pappe ausgekleidet. Sie selbst liegt ebenfalls auf Pappe und eine alte, dünne Decke bedeckt die Hälfte ihres Körpers. Sie rappelt sich auf, um zum Ausgang zu gelangen, kann sich aber nur gebückt fortbewegen, da sie sonst an die Plane kommt. Als sie nach draußen gelangt, wird sie von der Sonne geblendet und hört von rechts eine warme, brüchige männliche alte Stimme: „Naa, wie geht es dir, mein Kind? Ich habe gestern beobachtet, wie du niedergeschlagen wurdest, und habe dich dann aufgelesen und zu mir gebracht, wenns recht ist. Du sahst so aus, als wenn du Unterstützung dringend nötig hättest, Kindchen. Ich habe dir übrigens was von meinen Anziehsachen gegeben, weil diese Schurken dir alles bis auf die Unterwäsche abgenommen haben.“ Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie billige alte Männerkleidung am Körper trägt statt der Kleidung, die sie sonst anhat. „Deswegen sitze ich hier ohne Oberteil. Ich habe nämlich nur eins und dachte mir, dass du es dringender brauchst. Hihihihi“, lacht ein etwas untersetztes älteres Männchen in sich hinein. „Nicht dass du denkst, ich laufe immer so herum. Hihihi. Ich bin übrigens Freddy.“ „Ich bin Andrea“, antwortete sie etwas angewidert von Freddys Gestank, „Wo bin ich hier überhaupt?“ „Du bist da, wo alle sind, die keinen Besitz mehr haben“, sagt er fast schon bedeutungsschwer, „Du bist im Armenviertel des Armenviertels. Am Bodensatz der Gesellschaft. Ganz tief unten. Das letzte Glied in der Nahrungskette. Dort, wo man nicht tiefer fallen kann, weil es schon das Tiefste ist... Aber mach dir nichts daraus!“, sagt er, „wenn du es richtig angehst, kannst du auch hier glücklich werden.“ Andrea ist davon ganz und gar nicht überzeugt, doch ist ihr das auch egal, da sie noch immer in einer tiefen Trauerphase ist. „So, ich muss dann mal los und mich um das Essen kümmern. Wenn du magst, kannst du gerne hierbleiben und mit mir in meiner Hütte wohnen. Bis später.“ „Hütte“ ist da nicht das richtige Wort. Für dieses... Gebilde gibt es keine wirkliche Bezeichnung. Andrea setzt sich vor die Hütte und hängt trauert in ihren Gedanken Thomas hinterher. So vergeht der Tag und in der Dämmerung schließlich kehrt Freddy mit ein paar Tüten zurück. „Heute war ein guter Tag“, sagt er freudig, „Ich habe genug für uns beide erbetteln können. Heute werden wir satt!“ Er packt die Tüten aus und präsentiert stolz zwei Flaschen Wasser, eine Stange harte Salami und vier Brötchen von gestern. „Es ist zwar kein Festmahl, aber es sättigt uns beide“, erklärt er mit seinem Dauergrinsen. Andrea begutachtet das Mitgebrachte abwertend und fängt an, es hinunterzuwürgen. So geht das mehrere Tage lang. Während Freddy sich abmüht, irgendwie an Essen für die beiden zu kommen, und durch die ganze Stadt streift und manchmal sogar stiehlt, sitzt Andrea vor der Behausung und beteiligt sich nicht daran. Sie mag Freddy nicht und verabscheut ihn fast, doch weiß sie nicht, wohin sie sonst gehen und wie sie sonst an Essen kommen soll. Also bleibt sie und ist sauer auf ihn, obwohl er sie versorgt und ihr Trost spendet, bis sie langsam über den Thomas' Tod hinweg ist. Jeden Abend redet Freddy ihr gut zu und findet stets die richtigen Worte, um sie aufzubauen. Er hat auch nie einen Gedanken an einen Rauswurf verschwendet, obwohl sie sich weder bedankt noch mitgeholfen hat, Essen zu besorgen. Eines Abends schließlich kann sie nach langer Zeit wieder, ohne zu weinen, einschlafen. Doch mitten in der Nacht wird sie wach und bemerkt, wie viel Freddy für sie getan hat. Sie erkennt, dass das, was sie wirklich braucht, nicht ein tolles Haus oder gutes Essen sind, sondern menschliche Wärme und Liebe. Diese hat sie im Reichenviertel nur bei ihrem Mann gefunden und sonst bei niemandem. Doch hier, ganz unten in der Gesellschaft, teilt einer, der fast gar nicht hat, alles mit ihr und opfert einer fremden Person wirklich sein letztes Hemd. Um ein glückliches Leben führen zu können, braucht sie wahre Freunde und kein großes Vermögen. Und wahre Freunde findet man eher in der Unterschicht als in der Oberschicht. Beglückt von diesen Gedanken, kann sie wieder einschlafen und etwas Schönes träumen. Am nächsten Morgen gehen Freddy und sie gemeinsam los, um Essen zu beschaffen.

Ende

Zu Dritt

Die Hochzeitspläne von Elias und Sarah liefen auf Hochtouren. Karten wurden verschickt, die ersten Rücksendungen kamen, Sitzpläne wurden geschrieben und auch für Musik wurde gesorgt.

Elias und Sarah planten seit Dezember 2013 und wollten im Mai 2014 heiraten. Sarah wollte am liebsten in der Natur mit der ganzen Familie und den engsten Freunden heiraten. Sie liebte es, draußen zu sein, und Elias hätte überall geheiratet außer in der Kirche. Er fand, solche Hochzeiten waren typisch. Zu normal, Standard, einfach nur langweilig.

Um nach der Hochzeit ein wenig Ruhe und Zweisamkeit zu haben, sammelten sie schon erste Ideen für eine Hochzeitsreise. Selbstverständlich etwas Ausgefallenes. „Am besten weit weg. Ich wollte schon immer mal nach Amerika“, warf Sarah in den Raum und blätterte in einem Reisekatalog herum. „Wirklich? Was willst du denn da machen? Sag bitte nicht shoppen!“, scherzte Elias. Sarah wanderte in Gedanken versunken durch das Esszimmer ihrer Wohnung und blieb vor dem Fenster stehen: „Einen Road-Trip. Wir suchen uns einen Jeep oder einen Caravan, legen eine Route fest und besuchen die schönsten Orte in den USA. Einfach mal nur wir beide, irgendwo auf einer Straße, links und rechts die Natur. Essen tun wir unterwegs in den Städten oder in den Hotels genauso wie schlafen. Unter den Sternen oder im Hotel.“ Sie drehte sich um und lehnte sich an die Fensterbank. Elias ertappte sich dabei, wie er sich den Trip vorstellte, und musste sich eingestehen, dass ihm die Idee gut gefiel. Er stand auf, streckte sich, lehnte sich an einen Stuhlrücken, der gegenüber der Fensterbank stand, und sah in die grünen Augen von Sarah: „Die Vorstellung klingt wie aus einem Hollywoodfilm. Aber trotzdem bin ich nicht abgeneigt.“ Sarah strahlte und küsste Elias. Sie ließ einen Blick auf die Uhr wandern und riss erschrocken die Augen auf: „Verdammt! Ich hab doch noch um 15 Uhr einen Termin! Warum sagst du denn nichts?!“ Elias lachte, als Sarah hektisch ihre Sachen zusammensuchte und beim Schuheanziehen fast hinfiel. Sie ließ nur noch ein „Bis später. Liebe dich“ zurück und man hörte sie die Treppe runterlaufen. Elias suchte vertieft nach einem Jeep oder etwas Ähnlichem für die Reise und schaute nach, ob es feste Routen oder Vorschläge gab.

Am Abend kam Sarah wieder nach Hause. Elias lag auf dem Sofa, unter Ausdrucken von Routen und Anbietern begraben, und hörte gar nicht, wie Sarah hereinkam. Sie räumte die Einkäufe weg und weckte Elias, denn sie musste ihm etwas sagen. Sie war nervös wie nie zuvor und hatte sich schon auf dem Weg zur Wohnung Gedanken über seine Reaktion gemacht.

Sie nahm vorsichtig die Zettel weg und lehnte sich neben ihn, schaute ihn an und kitzelte ihn mit ihren langen braunen Haaren. Elias rümpfte seine Nase und zuckte. Aber aufwachen wollte er nicht sofort. Sarah rückte noch ein Stück näher und pustete ihm ins Ohr. Elias zuckte zusammen, schüttelte den Kopf und hätte fluchen können, aber er konnte es nicht. Sarah saß lachend neben ihm und gab ihm als Entschuldigung einen Kuss auf die Wange. Als er langsam erwachte, setzte er sich seitlich zu Sarah und legte einen Arm über die Kante des Sofas, während er mit der anderen Hand mit Sarahs Haarspitzen spielte: „Dachte schon, dass du unterwegs mit jemanden durchgebrannt bist.“ Sarah schlug sanft auf seine Schulter: „Hahaha, wenn du wüsstest, was ich weiß, dann würdest du mich nicht mehr aus der Wohnung lassen.“ Er runzelte seine Stirn und wurde ganz ruhig. Sarah war das Gegenteil. Sie strahlte und war nervös: „Was würdest du davon halten, wenn wir zu dritt heiraten?“ Elias war wie versteinert. Er bewegte sich nicht und sagte auch nichts. Er saß da und man hätte glauben können, er wäre taub. Sarah war verunsichert, weil er eben so ruhig war, aber bevor sie irgendwas sagen konnte, begann Elias zu lächeln, riss Sarah an sich und drückte sie ganz fest, ließ sie los, schaute auf ihren Bauch, in ihre Augen, wieder auf ihren Bauch und, bevor er wieder ihre Augen sehen konnte, hörte er Sarah sagen: „Ich bin schwanger.“ Elias fuhr sich durch die Haare: „Das ist jetzt keine Verarsche oder sonst was? Ganz sicher?“ „So sicher wie unsere Hochzeit“, sagte Sarah und war erleichtert über seine Reaktion. Elias umarmte sie ganz fest und freute sich so sehr auf das Baby.

Die Zeit ging schnell um. Es kam den beiden vor, als hätten sie sich erst vorgestern kennengelernt, gestern zusammengezogen, und heute war ihre Hochzeit. Von der Schwangerschaft wussten die Trauzeugen und die Eltern der beiden. Sie wollten es vor der Reise nicht allen sagen. Sie wollten nach dem ganzen Stress erst mal eine Auszeit von allem.

Die Hochzeit lief nach Plan. Alles war perfekt. Keine unerwarteten Pannen oder Streit unter den Gästen alles war so, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Erschöpft aber unendlich froh zogen sie sich zurück und waren dankbar um die Ruhe.

Jetzt hatten sie zwei Wochen Zeit um die Sachen für die Reise zu packen.

Elias schlich sich am frühen Morgen aus dem Zimmer, zog sich ganz leise an und die Tür fiel ganz leise zu. Sarah war tief und fest am Schlafen und merkte nicht, dass Elias weg war. Sie wurde erst wach, als sich ein süßer Duft um ihre Nase legte. Elias hatte zur Einstimmung auf Amerika Pancakes im Überfluss gebacken und Orangensaft gepresst.

Verträumt taumelte Sarah in die Küche, ihre Haare zu einem Dutt gebunden, ein Shirt von Elias übergezogen, und ließ sich ganz leise auf dem Stuhl nieder und beobachte Elias, wie er eindrucksvoll die Pancakes in die Luft warf und sie heile in der Pfanne landeten. Er freute sich wie ein kleines Kind: „Hast du das gesehen Sarah?! Ich hätte Koch werden sollen! Niemand kann das so elegant wie Ich!“ Sarah war ein Morgenmuffel und nippte am Kaffee, während Elias so gut gelaunt war, dass er durch die Küche tanzte. Nach seiner Tanzeinlage brachte er die Pancakes an den Tisch und wünschte Sarah einen guten Appetit. Sarah sagte nicht viel und aß einfach die Pancakes.

Elias kannte das schon, störte sich nicht daran und las die Zeitung.

„Hast du noch irgendwas zu waschen? Wäre super, wenn du mir das geben könntest. Wollte gleich schon mal ein wenig packen.“ Elias schaute über den Zeitungsrand: „Tja. Zu spät. Hab schon eine Maschine angestellt.“ Sarah musste lächeln und wusste es sehr zu schätzen, dass Elias die Arbeit sah und mithalf. „Geht das eigentlich mit dem Fliegen klar?“, fragte Elias und seine Blicke wanderten auf den Bauch. Sarah nickte: „Das geht klar. Bin ja noch nicht Hochschwanger“, und lächelte. Elias räumte sein Geschirr weg und gab Sarah einen Kuss: „Ich fahr jetzt zum Reisebüro und checke nochmal ab, ob das mit dem Wagen klappt. Bis später.“ „Bis später“, sagte Sarah und lehnte sich zurück. Sie schaute auf ihren Ring und ließ den gestrigen Tag nochmal Revue passieren.

Durch das Klingen ihres Handys wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Immer, wenn Elias aus dem Haus war und dann das Telefon klingelte, hatte sie Angst, dass was passiert war. Sie nahm den Anruf an und war froh, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte: „Wollte nur wissen, ob alles okay ist.“ Sarah unterhielt sich mit ihr eine Weile, während sie das Geschirr wegräumte.

Nach dem Anruf ging sie ins Bad und machte sich fertig. Sie hängte die Wäsche auf und legte ein paar Kleider zurück, die sie im Urlaub anziehen wollte.

Elias schrieb ihr, dass er gerade nochmal auf die Wache müsste, er hätte da was vergessen. Elias war der vergessliche, tollpatschige von ihnen, der selbst seinen Kopf irgendwo verlieren würde.

Der Tag ging schnell um. Sie aßen zusammen Mittag, planten die nächsten Tage, gingen am Abend in eine Bar und trafen sich dort mit den Trauzeugen.

Gegen 2 Uhr machten sie sich auf den Weg nach Hause, machten aber vorher noch einen Spaziergang. Sarah hatte Elias große Jacke an und kuschelte sich in seinen Arm ein.

Im Halbschlaf folgte sie Elias´ Schritten und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

Zuhause angekommen, ließ sie sich auf das Bett sinken und zog mit Mühe ihre Kleidung aus.

Elias kam aus dem Bad und sah, wie sich Sarah im Bett vergraben hatte. Er machte das Licht aus, schlich im Dunkeln Richtung Bett und hoffte, dass es nirgendwo gegenlaufen würde. Kaum lag er im Bett, lag Sarah in seinem Arm und kuschelte sich an ihn.

Die Tage vergingen, die Freude auf die Reise nahm zu – genauso wie der Stress.

Koffer packen, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, jemanden finden, der ab und zu in der Wohnung nach dem Rechten schaute, Reisepässe abholen, die Wohnung nicht im Chaos hinterlassen etc.

Und dann war es soweit: Der letzte Abend in der Wohnung. Das letzte Mal für die nächsten fünf Wochen. Morgen um die Zeit würden sie im Flieger sitzen und hoffentlich heile ankommen. Allgemein hofften sie, dass alles ohne Probleme laufen würde. Egal ob hier in Deutschland oder in Amerika.

Bis spät in den Abend wurde der Koffer gepackt, immer wieder wurde was umgepackt oder ganz beiseitegelegt.

Erschöpft fielen beide ins Bett und schliefen sofort ein.

Die Nacht war kurz. Für Sarah zu kurz, die eigentlich eine Langschläferin war und an freien Tagen nie vor zehn Uhr aufstand. Und jetzt war sie um vier Uhr wach. Elias war das gewöhnt. Er war Polizist und kannte es aus den Früh- und Spätschichten. Sarah ging als erste ins Bad, während Elias nochmal prüfte, ob alle Fenster abgeschlossen waren, die Steckdosenleisten aus waren und die Kofferanhänger angebracht waren. „Die Pässe und Tickets hast du eingepackt?“ „Sind in meiner Tasche. Schau nochmal nach, Eli“, tönte es aus dem Bad. Elias verdrehte die Augen. Das Schlimmste an einer Frau war ihre Tasche. Alles war dabei – von Geld über Nagelpfeile bis zum Pflaster und Lippenstift. Selbst ein Mückenspray. „Ob man das alles brauchte?“, fragte sich Elias jedes Mal, wenn er in die Tasche schaute. „Hab sie gefunden! Sind in der Tasche!“ Elias stellte die Tasche auf das Sofa.

Elias begrüßte Tim. Tim war der Sandkastenfreund von Elias. Sarah kam gehetzt aus dem Bad, während die Jungs angelehnt in der Küche standen und sich über alles Mögliche unterhielten.

Sarah kam dazu: „Musst du noch ins Bad Elias? Dann würde ich Tim gerade alles Wichtige erklären.“ Elias stellte die Tasse bei Seite, gab Sarah einen Kuss und verschwand hinter der Badezimmertür. Tim und Sarah gingen durch die Wohnung. Sarah war ein Organisationstalent, hatte alles schön geordnet und alle Papiere, die in der Zeit wichtig werden konnten, rausgelegt.

Sie hatte Listen mit wichtigen Nummern geschrieben, welche Pflanzen wie gegossen werden sollten und wann was gesäubert werden sollte. Tim schmunzelte darüber, er fand es überwiegend bewundernswert. Er wäre zu faul dafür. Elias kam aus dem Bad, Sarah und Tim kamen auch auf den Flur und das Gefühl lag in der Luft, dass es nun Richtung Flughafen gehen würde.

Elias nahm seinen Schlüssel vom Haken und gab ihn Tim: „Mach keinen Scheiß! Keine Partys veranstalten oder Weiber abschleppen!“ Tim nahm den Schlüssel dankend entgegen: „Hey! Was denkst du nur von mir? Meine Bude ist gerade zwei Straßen weg, von daher ist das kein Anreiz, mein Guter!“ Sarah drängelte und wollte die Koffer schon selber tragen, aber da kamen ihr die Männer zuvor und schleppten die drei Koffer in den Hausflur. Unten stand Tims Auto bereit. Er öffnete den Kofferraum. Als die Koffer verladen waren, fuhren sie los. Mittlerweile war es 5.30 Uhr, um 6.45 Uhr ging der Flieger.

Der Flughafen Frankfurt am Main war gut besucht und der Schalter ziemlich voll. Tim stellte die Koffer neben sein Auto und verabschiedete sich von dem frisch verheirateten Paar: „Mann äh, ich hab euch echt gerne. Ich vermisse euch jetzt schon! Kommt bloß gesund wieder zurück und passt auf euch auf!“ Elias drückte Tim ganz fest: „Werde mein Bestes geben. Wenn was ist, kannst du uns anrufen, klar?“ Tim nickte und drehte sich zu Sarah: „Danke, Tim, dass du auf unsere Wohnung aufpasst.“ Tim sah es als selbstverständlich an: „Immer wieder gerne. Pass gut auf Tim und euch beide auf. Keine Lust, euch zu verlieren.“ Sarah lachte und gab Tim einen Kuss und dann gingen sie Richtung Schalter.

Am Schalter lief alles zügig und ohne Schwierigkeiten ab.

Während des Fluges schlief Sarah, an der Schulter von Elias angelehnt, während Elias Filme schaute. „Iron Man“, „Fluch der Karibik“ und „Nachts im Museum“ liefen nacheinander auf dem kleinen Bildschirm vor ihm.

Nach gefühlten 2 Tagen Flug, obwohl es gerade mal etwas über 10 Stunden waren, kamen sie am Flughafen an und waren erst mal fasziniert von dem Flughafen, den Leuten und dem Drumherum.

Sie hofften, dass die Koffer mitgekommen waren und nicht woanders gelandet waren.

„Da hinten! Das sind unsere“, sagte Sarah zu Elias und schob ihn in Richtung Koffer.

Elias bahnte sich den Weg und Sarah folgte ihm, um die Koffer anzunehmen.

Das Auto stand im Parkhaus direkt nebenan und dort schlenderten sie nun auch hin. Die beiden schauten sich unterwegs ausgiebig um und staunten über die Architektur, die Straßen etc. – Amerika war laut und voll. Sarah war froh, als sie im Auto saß und es ruhig war. Elias schaltete das Navigationsgerät ein und dann ging es los. „Erstmal einkaufen und etwas essen“, sagte Elias, als er aus dem Parkhaus fuhr.

Es war warm. Sarah kurbelte die Scheiben runter und genoss die Sonnenstrahlen.

Nach den ersten zwei Wochen fühlten sie sich in Amerika schon wie zuhause.

Die Menschen waren freundlich und halfen gerne, die Landschaft war traumhaft und das Wetter war die Krönung – strahlender Sonnenschein und mindestens 25 Grad.

Heute hatten sie in einem kleinen Motel geschlafen. Sarah war vor Elias wach geworden und schaute auf der Karte nach, wo sich der nächste Bäcker befand. „Zwei Meilen“, flüsterte Sarah und schrieb Elias einen Zettel, dass sie Frühstück holen war. Sie legte den Zettel auf ihre Bettseite, schnappte sich ihre Tasche und schlich aus dem Zimmer. Das Motel stellte Fahrräder zur freien Verfügung und Sarah nutzte dieses Angebot. Sie fuhr gerne Fahrrad. Das erste Stück musste sie es nur rollen lassen und genoss den Fahrtwind, der ihr um die Nase wehte. Sie war am Träumen und holte in den Kurven weit aus. Manchmal erschrak sie selbst, wie sie fuhr. Auf einem ruhigeren Stück fuhr sie Schlangenlinien und lachte herzlich. Beim Bäcker angekommen, stand sie eine Ewigkeit an. Nach 20 Minuten war sie dran, bestellte ihr Frühstück, bezahlte, wünschte einen schönen Tag und verließ den kleinen Laden. Selbst draußen roch es noch nach frischen Brötchen und Kuchen. Ihr Fahrrad stand in einer Nebenstraße. Sie summte auf dem Weg zu ihrem Rad ein Lied, die Sonne schien und sie hatte Hunger. „Ganz schnell zu Eli“, sagte sich Sarah, als sie das Fahrrad aufschloss.

Sie trat in die Pedalen und fuhr in einem zügigen Tempo die zwei Meilen zurück.

Voller Vorfreude auf Elias merkte Sarah gar nicht, dass sie bei der letzten Kurve etwas zu weit in den Gegenverkehr gekommen war. Es war zu spät. Ein Truck kam rasend schnell auf sie zu, Sarah war wie gelähmt und ließ sich rollen. Sie fing das Weinen und Schreien an, sie hoffte, dass der Truck anhalten würde und dass nichts passieren würde oder dass Elias sie gleich wecken würde und alles nur ein böser Traum war. Der Truck fing an, zu hupen, und blendete sie mit dem Licht, sodass sie nichts mehr sah. Auf einmal durchfuhr sie ein Impuls, der dafür sorgte, den Lenker scharf einzulenken und in die Pedalen zu treten, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Sie sah nicht viel, die Tränen und das Scheinwerferlicht nahmen ihr die Sicht. Sie schrie und hoffte, dass sie bald den kleinen Standstreifen erreichen würde.

Der Truck strich ihr Fahrrad mit solcher Wucht, dass Sarah auf dem letzten Stück zu Boden ging. Das Fahrrad wurde von dem Truck zerdrückt und war alles andere als fahrtüchtig. Sarah stand unter Schock und lag weinend am Straßenrand. Der Truck fuhr weiter. Total aufgelöst suchte sie das Handy in ihrer Tasche. Mit verschwommenem Blick suchte sie die Nummer von Elias und hoffte, dass sie ihn erreichen würde: „Elias? Elias?! Hörst du mich?“, schrie sie unter Tränen ins Telefon. Sie ließ Elias gar nicht zu Wort kommen: „Ich… Ich wollte Frühstück holen und dann kam da ein Truck und ich konnte nichts machen, er hat mich erwischt und jetzt liege ich hier am Straßenrand und habe Schmerzen. Bitte komm schnell!“ Elias stammelte und konnte ihr nur bedingt folgen: „Wo bist du? Hattest du einen Unfall?“ „Hab auf dem Plan eine Strecke gemalt. Bin vielleicht eine halbe Meile vom Motel entfernt. Beeil dich bitte, mein Bauch tut weh.“ Elias schnappte sich den Plan, schaute flüchtig drauf und fuhr los. Elias war es egal, dass er nicht angeschnallt war oder sonst was, er wollte nur zu Sarah. Er fuhr schnell. Verdammt schnell. Sarah lag gekrümmt am Straßenrand und weinte. Elias riss die Handbremse an und sprang aus dem Wagen, als er Sarah am Boden sah. Sie blutete am Kopf und am Bein, und ihr ganzer Körper war voller Blut. Elias trug sie vorsichtig ins Auto, stellte den Sitz zurück und verband die Wunden fürs Erste. „Bis zum Krankenhaus sollte es gehen.“ Sarah schrie, weinte und fluchte zugleich. Als sie im Krankenhaus ankamen, wurde sie in der Notaufnahme versorgt, während Elias erste Aussagen machte.

Elias wollte, so schnell wie es ging, zu Sarah, aber sie war immer noch in Behandlung. Er hatte immer noch diese Bilder von Sarah vor Augen, wie sie geweint und geschrien hatte und zusammengekrümmt vor Schmerzen am Boden lag.

Er lief den Gang auf und ab. Als er am Ende des Gangs ein Bett näher kommen sah, hoffte er, dass es Sarah war. Und es war Sarah. Der Arzt, der sie behandelt hatte, war zum Glück Deutscher und erklärte in Ruhe, was sie bei Sarah getan hatten und wie es um sie stand. Sie selbst war am Schlafen und bekam nichts mit. Elias war mit allem überfordert. Als er nun auch noch erfuhr, dass Sarah eine Lendenfraktur, gebrochene Rippen, eine Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Arm hatte, wollte er schon nicht mehr zuhören und nur noch zu ihr. Aber das Letzte, was der Arzt ihm sagte, kam wie ein Schlag: „Ihre Frau hat am Unfallort über Schmerzen im Bauch geklagt, richtig?“ Elias runzelte die Stirn und ahnte schon was: „Ja, hat sie. Ist etwas mit dem Baby?!“ Elias wurde nervös und hoffte, dass der Arzt seine Frage verneint: „Es tut mir leid, aber...“ Elias wusste Bescheid, schlug gegen die Wand und wandte sich ab. Der Arzt packte ihn an der Schulter: „Wir haben alles probiert, aber das Baby war zu schwach und ihre Frau ist unglücklich aufgekommen. Es tut mir leid.“ Elias sah alles nur noch im Tunnelblick und lief wie im Halbschlaf ins Zimmer, setzte sich hin und hörte immer wieder die Schreie von Sarah und die Worte vom Arzt.

Elias bewegte sich den ganzen Abend keinen Zentimeter mehr aus dem Zimmer. Ein Hunger- oder Durstgefühl kannte er nicht mehr bzw. er spürte es nicht. Alles um ihn herum war monoton, kalt, grau, eintönig. Er starrte einfach nur auf die Tür und ließ vereinzelte Tränen über seine Wange laufen. „Elias? Weinst du?“, hauchte eine leise Stimme in den Raum. Es war Sarah. Elias drehte sich nicht zu ihr, im Gegenteil: Er verließ das Zimmer und blieb in der Tür stehen. Sarah war noch betäubt von der Narkose und nahm alles nur bedingt wahr. Sie brauchte ein bisschen, bis sie alles um sich wahrgenommen hatte.

Elias war mittlerweile zurück im Zimmer. „Was ist los, Elias? Was ist passiert? Ich weiß nur noch, dass ich Brötchen holen wollte und dass ich dann auf einmal einen Unfall hatte“, sagte Sarah und bat Elias um mehr Informationen. Elias erzählte ihr von allen Verletzungen, die sie erlitten hatte. Sarah wurde blass und spürte nun allmählich die Schmerzen. Plötzlich riss sie ihre Augen auf: „Elias? Sag mir bitte, dass mit unserem Kind alles okay ist.“ Sarah wurde mit jeder Sekunde, da Elias schwieg, nervöser und ermahnte ihn immer wieder. Elias warf einen Stuhl um: „NEIN! Es ist gar nichts okay! Das Kind ist Vergangenheit! Es ist tot!“, schrie er durch das Zimmer und brach im nächsten Moment auf Sarahs Bettkante zusammen. So wie er zusammenbrach, so brach für Sarah eine Welt zusammen: „Wie es ist tot? Das kann doch nicht sein! Ich meine... Was haben denn die Ärzte getan?“, fragte Sarah. Elias konnte nur mit dem Kopf schütteln: „War wohl zu spät. Das Baby war wohl beim Unfall ziemlich direkt tot.“ Sarah wurde ganz ruhig und schaute die Decke an, während sie ihren Bauch berührte und anfing, leise zu weinen. Beide waren ruhig und hielten einfach gegenseitig die Hand.

Die letzte Woche in den USA war von Trauer und Kühle geprägt.

Sarah aß und sagte kaum etwas. Elias war abweisend und wollte nur noch nach Hause und Sarah war auch die Urlaubsstimmung vergangen. Beide buchten in Absprache mit dem Arzt den frühesten Flug nach Hause.

Vier Tage früher als geplant waren sie zurück in Deutschland. Sie nahmen ein Taxi und fuhren nach Hause, wo sie auf Tim trafen, der gerade die Blumen gießen wollte: „Wow! Moment mal, seid ihr nicht ein bisschen früh dran? Hattet ihr nicht noch vier Tage?“ Sarah ging schweigend ins Schlafzimmer. Elias bat Tim zu gehen und er würde es ihm später erklären: „Und bitte sag niemandem, dass wir schon da sind. Sag einfach allen, die nach uns fragen, dass wir noch eine Woche drangehängt haben.“

Elias blieb in der Küche stehen und verarbeitete langsam alles, was passiert war, während Sarah seit dem Aufenthalt im Krankenhaus, im Flieger, im Taxi, seitdem sie wieder in der Wohnung waren, kein einziges Wort gesagt hatte.

Tage, Wochen vergingen und Sarah kam nur bedingt damit klar. Kindern oder Gegenständen, die sie an Kinder erinnern, ging sie aus dem Weg. Sie mied sie wie die Katze das Wasser.

Elias stand mittlerweile wieder voll im Leben: Er arbeitete, ging zum Sport und war für Sarah da.

Sarah hingegen ging nur zum Einkaufen raus. Sonst war sie im Haus. Von ihrer Arbeit hat sie sich freistellen lassen und war nun die ganze Zeit zuhause. Mit ihren Freunden verbrachte sie keine Zeit mehr. Jedes Mal, wenn Elias einen Vorschlag machte, blitzte dieser sofort ab.

Ihre Ehe war von einer dunklen Wolke beschattet.

Innerhalb der nächsten Monate kroch Sarah nach und nach aus ihrem Loch hervor und nahm langsam wieder die Fahrt auf. Elias freute sich darüber, dass Sarah endlich wieder besser drauf war. Dennoch wurde über das Thema nie geredet.

Eines Abends gingen Elias, Sarah, Tim und seine Freundin Maike zur Abwechslung feiern. Die Stimmung war super und im Club war richtig was los. Sarah tanzte und trank den ganzen Abend. Elias blieb bei ihr und genoss es, sie so glücklich zu sehen und ihr Lachen zu hören.

Maike wollte rauchen gehen und nahm Sarah mit. Beide standen vorm Club. Maike verquatschte sich mit dem Türsteher und bekam von Sarahs Verschwinden erst etwas mit, als sie wieder in den Club wollte. Sie suchte die Jungs im Club, erzählte ihnen von Sarah und schon begann die Suche.

Sie teilten sich auf und suchten in Parks, in den kleinen Gassen und in der Nähe von der Wohnung, riefen Freunde und Familie an.

Elias suchte die Lieblingsorte ab und er fand sie auch. An dem See, wo sie ihre Hochzeit gefeiert hatten. Sarah saß am Ufer mit zwei Flaschen Alkohol, die sie an der Tankstelle gekauft hatte.

Elias rief Tim an, gab ihren Fund bekannt und bat ihn, sie abzuholen.

In der Zwischenzeit setzte sich Elias zu Sarah. Sie wunderte sich nicht über seine Anwesenheit oder über seine Vorwürfe: „Mann Sarah, du kannst doch nicht einfach abhauen. Ich hab mir Sorgen gemacht.“ Sarah zuckte nur mit den Schultern: „Ich bin kein kleines Kind mehr. Ich kann schon auf mich aufpassen. Auf mich zumindest“, lallte sie. Elias legte ihr seine Jacke um: „Ja, das sehe ich. Du sitzt hier in kurzem Kleid Ende Oktober am See und betrinkst dich, während du allmählich unterkühlst. Tim kommt gleich und dann fahren wir nach Hause.“ Aus heiterem Himmel fing Sarah an, zu weinen, und kippte auf die Seite. Elias zog sie hoch und nahm sie in den Arm. Sie stank nach Alkohol, Kippen und war kalt. Verdammt kalt. Sarah machte sich Vorwürfe wegen des Verlustes, Entschuldigungen folgten tausendfach: „Ich wollte das echt nicht. Ich hasse mich so sehr dafür. Ich meine, wie schön und perfekt das gewesen wäre, wenn wir jetzt zu dritt gewesen wären, aber...“ Und dann brach ihre Stimme und Sarah lief weg. Elias rannte ihr sofort hinterher und holte sie ein. Sarah brach wieder zusammen. Tim rief Elias an: „Ja, Tim, wir kommen zur Straße.“ Elias stützte Sarah und setzte sie ins Auto. Zuhause angekommen, wickelte Elias sie in eine Decke, machte ihr einen Tee und eine Wärmflasche.

Sie schlief auf dem Sofa ein und Elias blieb bei ihr. Er streichelte ihr den Kopf und blieb so gut wie die ganze Zeit wach.

Am nächsten Morgen bereitete Elias das Frühstück zu, während Sarah von Kopfschmerzen geplagt im Bad war. Sarah kam aus dem Bad und entschuldigte sich für den letzten Abend und beide frühstückten in Ruhe. „Ist alles okay? Wenn was ist, ich bin da, ja!“, warf Elias in den Raum.

Sarah wurde mit seiner Aussage aus den Gedanken gerissen: „Ehm ja? Was sollte sein? Danke. Danke, dass du in den letzten Monaten die ganze Zeit für mich da warst. Ich weiß, dass ich echt nicht einfach war. Ich liebe dich.“ Elias lächelte sie nur an: „Ich liebe dich auch und zusammen schaffen wir alles.“

Elias ging zum Sport und ließ Sarah in der Wohnung zurück. Sarah verabschiedete ihn an der Tür: „Pass auf dich auf, mein Schatz. Ich liebe dich.“ Elias küsste sie und strich ihr durch die Haare: „Ich liebe dich, mein Engel.“

Sarah schloss die Tür. Sie hockte im Schlafzimmer auf dem Bett und schaute sich Urlaubsbilder an. Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Als Elias am Abend immer noch nicht da war, rief sie ihn an. „Mailbox“, nuschelte sie. Tim gab keine Antwort. Und im Fitnessstudio gab es auch keine Spur von ihm. Als es an der Tür klingelte, war sie erleichtert. Als sie diese öffnete, war sie jedoch schockiert. Elias stand blutend vor der Tür. Sarah brachte ihn ins Bad und verarztete ihn für das Erste und brachte ihn ins Krankenhaus. Dort bekam sie sofort einen Arzt. „Hat seine Vorteile, Krankenschwester zu sein“, sagte sie zu Elias und küsste ihn in die Haare. „Sind nur Platz- und Schürfwunden. Er kann wieder nach Hause, sollte sich aber schonen“, sagte der Arzt und gab Sarah noch Schmerzmittel mit. Zuhause angekommen, lief Elias durch die Wohnung und lockte Sarah auf den kleinen Balkon. „Schatz, bring den Wein weg. Du hast Schmerzmittel genommen.“ Elias lachte und küsste sie: „Deshalb ist es auch Traubensaft.“ Im Laufe des Abends fragte Sarah, wie Elias an die Verletzungen kam: „Einer im Fitnessstudio hat vom Unfall in Amerika gehört und meinte, Sprüche klopfen zu müssen. Und da bin ich ausgerastet.“ Sarah glaubte ihm nicht, weil sie selbst oft genug solche Verletzungen gesehen hatte. Diese waren anders. „Und woher kommen die Verletzungen an dem Handgelenk?“, sie deutete auf die Schnittwunden hin. Elias beteuerte, dass sie auch von der Schlägerei kamen. Sarah tat so, als würde sie ihm das glauben. Elias hatte den Traubensaft kalt gestellt, wollte nachschenken und nahm die Gläser mit rein.

Hinter dem Rücken von Sarah wollte er etwas in die Gläser mischen, aber er merkte nicht, dass Sarah hinter ihm war: „Elias, lass es. Ist gut. Tu bitte nicht so, als würdest du damit klarkommen und als wärst du glücklich.“ Elias sagte kein Wort und weinte. Sarah nahm ihn in den Arm und weinte ebenfalls.

Der Verlust hatte sie beide sehr mitgenommen und auch die junge Ehe belastet. „Ich wollte, dass wir zu dritt sind. Bei unserem Kind. Tim hat mich verprügelt, als er gesehen hat, dass ich mir die Arme aufschneiden wollte, und hat mich nach Hause gebracht. In meine Tasche hat er mir ein Herzmedikament gesteckt.“ Sarah sah die Packung und wusste gleich, was es für ein Medikament war. Sie nahm die Packung und drückte zwei Tabletten aus, legte sie neben die Gläser und holte ihre Kamera raus. Sie sah Elias an: „Wir schaffen das gemeinsam, okay? Aber lass uns für die anderen eine Erklärung hinterlassen.“ Nachdem Sie mit dem Filmen fertig waren, schrieben sie noch kurz ein paar Zeilen und dann hörte man nur noch die Gläser klirren beim Anstoßen. Sie küssten sich und merkten, wie ihre Herzen langsamer wurden. „Das sind doch zwei“, scherzte Elias. Sarah schüttelte mit dem Kopf: „Das ist eine. Sie ist nur sehr stark konzentriert.“ Beide gingen ins Schlafzimmer und schliefen ein. Sarah war mit einem Lächeln eingeschlafen und hauchte ein: „Bis gleich, mein Schatz, ich liebe dich.“ Elias küsste sie und freute sich darauf, endlich diesen Kummer, Stress und Ärger hinter sich zu lassen. Bevor er schlief, bekam er noch eine Nachricht von Tim: „Hau rein und pass auf die beiden auf.“ Er schmunzelte: „Du auch, mein Guter. Danke für alles.“ Er merkte nicht mal, wie er langsam einschlief. Erst als es ruhig in der Wohnung war und man die Kirchenglocken hörte, wusste man, dass nun die kleine Familie zusammen war. Jetzt endlich konnten sie zu dritt sein, jetzt konnten sie glücklich sein und neu als Familie anfangen. Und alles war gut. Die Angehörigen trauerten, wussten aber, dass Elias und Sarah so leicht nicht mehr hätten glücklich sein können. In dem Fall konnten alle ihre Entscheidung verstehen, wünschten ihnen alles Gute und wussten, dass sie jetzt glücklich waren.

Ich liebe euch

Kapitel 1

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, die Vögel zwitschern laut und ich genieße das Rauschen des Meeres. Ich spüre den Sand zwischen meinen Zehen, die Wärme umfasst meinen ganzen Körper, doch dann: „Mama! „Maaaaaama!“ Meine Augen gehen auf und ich liege zuhause im Bett und nicht mehr am Meer. Neben mir steht Noah und schaut mich mit seinen großen, braunen Knopfaugen an, da er nicht mehr schlafen kann. Michael, mein Mann, schläft wie immer so tief und fest und bekommt natürlich nichts mit. Ich stehe auf, um Frühstück für meine Lieblinge zu machen. Ich schaue nach draußen und stelle fest, dass sich das Wetter an meine momentane Lage angepasst hat. Alles ist dunkel und es regnet wie aus Eimern. Nachdem ich den Morgen mit meinen zwei Lieblingen gut überstanden habe, steht Micheal auf. „Guten Morgen, mein Schatz!“ Schön, dass einer von uns beiden ausgeschlafen ist, denke ich mir, aber spreche es nicht aus. „Guten Morgen, mein Lieber!“ Um mich kurz einmal vorzustellen: Ich bin Miriam, 32 Jahre alt, verheiratet mit Micheal, und wir haben zusammen zwei wundervolle Kinder. Lea ist 11 Monate alt und ihr großer Bruder Noah, der seit Montag letzter Woche in den Kindergarten geht, ist drei Jahre alt. Kaum zu glauben, wie schnell die Kleinen wachsen! Ich liebe es, ihnen beim Spielen zuzugucken, diese Unbeschwertheit, keine Sorgen, einfach glücklich. Und kaum bin ich auf gute Gedanken gekommen, fangen diese Schmerzen wieder an. So normal, wie es auch bei uns im Moment scheint, wird jedoch alles von meiner Krankheit gesteuert. Ich leide an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Im September letzten Jahres wurde es diagnostiziert. Ich werde meinen nächsten Geburtstag im Juni wohl nicht mehr miterleben. Es gibt viele Dinge, die ich gerne anders gemacht hätte, aber im Moment steht das Wohl meiner Kinder und meines Mannes an erster Stelle.

Kapitel 2

Montagmorgen 4 Uhr, und Michaels Wecker klingelt. Wie jeden Tag so laut, dass es in den Ohren wehtut. Er wird wach, gibt mir einen kurzen, sanften Kuss auf die Stirn und schon ist er weg. Ich würde gerne mehr Zeit mit ihm verbringen. Gerade in dieser schwierigen Zeit, die wir durchmachen. Aber so sehr ich es mir auch wünsche, klappt es dennoch nicht. Irgendwer muss ja das Geld verdienen, um uns zu ernähren und damit wir uns meine teuren Medikamente leisten können. Es ist jetzt sieben Uhr und nun auch Zeit für mich aufzustehen. Der Wecker klingelt wieder mit voller Lautstärke durch das ganze Haus. Ich höre, wie Lea davon wach wird und beginnt, mindestens genauso laut zu schreien, wie der Wecker klingelt. Ich schalte den Wecker aus, rutsche zur Bettkante und versuche, mich langsam aufzurichten. Meine Beine fangen an, zu zittern, und mein Bauch schreit förmlich danach aufzuspringen, zum Klo zu laufen, damit er sich dort entleeren kann. Ich unterdrücke diese Übelkeit und gehe rüber in das Zimmer von Lea. Sie sitzt schreiend in ihrem Bett und schaut mich mit ihren großen, tränengefüllten Augen an. Ich hebe sie mit großer Mühe aus ihrem Bett, um sie zu beruhigen. Ich lehne mich an einem Schrank im Zimmer an, um sie halten zu können. Ich bin schwach geworden. Damals konnte ich sie und auch Noah noch mit Leichtigkeit hochheben und mit ihnen spielen. Jedoch durch meine Krankheit werde ich von Tag zu Tag schwächer und kann immer weniger machen. Mittlerweile ist es auch Zeit, Noah zu wecken. Um acht Uhr geht es für meinen kleinen Liebling in den Kindergarten, worauf er sich sichtlich freut. Letztens konnte er es kaum erwarten dorthin zu kommen. Mitten in der Nacht stand er vor unserem Bett, mit seiner Jacke und seiner Tasche, und wollte direkt los. Da ich nun nicht mehr Auto fahren kann, wie viele andere Dinge auch nicht, bringt meine beste Freundin Noah zum Kindergarten und nimmt Lea mit zu sich. Und ich? – Ich muss wie jeden Tag zu Untersuchungen zurück in das trostlose Gebäude, das man Krankenhaus nennt. Ich hasse diesen Ort! Wenn es nach mir ginge, würde ich nie wieder dorthin zurückgehen. Aber was muss, das muss. Ich tue es ja nicht nur für mich, sondern für meine geliebte Familie. Dennoch hat es etwas Gutes, denn ohne diese täglichen Besuche beim Arzt könnte ich die Schmerzen noch weniger ertragen als jetzt schon.

Kapitel 3

Wie ich damit klarkomme? – Ehrlich gesagt, kann ich dieses Gefühl, das ich in mir habe, nicht beschreiben. Und ich glaube, das können nur die wenigsten Leute nachvollziehen. Trotz der Schmerzen, die ich empfinde, ist der Schmerz in meinem Herzen am stärksten. Dieses Gefühl, das ich habe, wenn ich daran denke, dass ich bald meine Familie für immer verlassen muss, sie im Stich lasse und meinen Kindern nie wieder beim Wachsen zusehen kann. Ich will dieses Gefühl nicht. Die Ärzte reden zwar die ganze Zeit davon, dass es sein kann, dass sich das Blatt noch wendet und ich mich bald wieder besser fühlen könnte. Aber ich glaube nicht an Wunder. Mein Mann ist da ganz anders, er glaubt immer nur an das Gute. Doch das Gefühl kann ich nicht mit ihm teilen. Er fragt mich jeden Tag, wie es mir geht. Ich sage immer: ,,Besser'', weil ich ihn einfach nicht traurig sehen kann. Ich kann ihm einfach nicht sagen, wie ich mich wirklich fühle und dass ich merke, wie ich mich von Tag zu Tag schlechter fühle und schwächer werde. Ich kann es einfach nicht übers Herz bringen, ihm die Wahrheit zu sagen. Er muss sich schon so viele Sorgen machen.

Kapitel 4

Es sind bereits 2 Monate vergangen seit der letzten großen Untersuchung und heute ist es wieder soweit. Ich will nicht lügen, ich habe Angst... Angst davor, dass ich diese Worte aus dem Mund meines Arztes höre, diese Worte, die meine Welt zum Einstürzen bringen werden. Die Worte, die mir versichern, dass ich die ganze Zeit richtig lag und dass ich nicht mehr lange zu leben habe. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich nicht lieber das Gegenteil hören wollte. Aber ehrlich gesagt, habe ich die Hoffnung bereits aufgegeben. Ich zucke zusammen, als die Tür aufgeht und mein Arzt mit trauriger Miene das Zimmer betritt. Ich halte mich mit aller Kraft, die ich noch aufbringen kann, an der Stuhllehne fest und halte die Luft an. Als mein Arzt anfängt, zu reden, kann ich schon an seiner Stimme hören, dass er mir bei meiner Vermutung rechtgeben wird. Ich sehe ihn an. Sein Mund bewegt sich, doch ich höre nur ein dumpfes Piepen und meinen starken, schnellen Herzschlag. Tränen schießen in meine Augen. Ich versuche, stark zu bleiben, sie zu unterdrücken und den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Doch ich schaffe es nicht. Ich kann nicht anders, ich stehe auf und renne raus. Mein Herz schlägt immer noch wie wild. Die Geräusche kehren langsam wieder in mein Ohr zurück. Eine Stimme in mir sagt: Ich solle mich zusammenreißen. Und genau das tue ich nach ein paar Minuten wieder.

Kapitel 5

Als ich wieder zu Hause bin, kommt mir mein Mann mit einem breiten Lächeln entgegen. Auch wenn mir nicht nach einem Lächeln zu Mute ist, schaffe ich es dennoch, ein kleines, aber gequältes Lächeln über meine Lippen zu bringen. Ich hoffe, dass er es mir abkauft, doch er kennt mich einfach zu gut. Sein Lächeln verschwindet schlagartig und ernste, aber besorgte Augen schauen mich an. Er fragt mich direkt, was los ist, und ich kann dieser Frage nicht ausweichen. Und schon passiert es. Die Trauer, die ich eben noch versucht habe, zu unterdrücken, kommt jetzt umso deutlicher hervor. Ich fange an, zu schreien und zu weinen. Mein Mann begreift direkt, was los ist. Und auch sein Gesicht verdunkelt sich und aus seinen Augen kullern Tränen. Er nimmt mich so fest wie es geht in den Arm. Und so stehen wir Arm in Arm, beide am Weinen, in unserer Auffahrt. Wir beide realisieren erst jetzt, was diese Krankheit unserer Familie antut. Sie zerstört unser Leben, unsere Zukunft.

Kapitel 6

Die letzten Tage sind die schlimmsten Tage, die ich je erlebt habe. Meine Schmerzen werden von Tag zu Tag schlimmer, ich werde schwächer und schwächer und habe keine Motivation mehr, aus meinem Bett zu schlüpfen. Ich liege nun bereits seit einer Woche zurückgezogen in meinem Bett. Heute ist wieder Sonntag. Der Tag, an dem es sonst üblich ist, dass mein Mann als letzter aus dem Bett kommt. Doch heute bin ich es. Ich überlege die ganze Zeit, was aus meiner Familie wird, wenn ich nicht mehr da bin. Dieser Gedanke quält mich einfach so sehr seit Tagen. Ich mache mir Gedanken, Gedanken über meine Familie, aber auch über mich selbst. Wie geht es mit mir weiter? Was passiert, nachdem ich meine Augen für immer schließe? – Doch genau diese Fragen kann mir keiner beantworten. Ich merke, wie mein Bauch sich meldet, ich stehe, so schnell wie es geht, auf. Ich merke, dass mir leicht schwindelig wird, aber ich ignoriere es. Wenn ich breche, spüre ich erst, wie kaputt mein Körper ist. Wenn ich das Blut sehe, welches ich mit ausspucke, wird mir erst bewusst, dass ich nicht mehr lange zu leben habe. Ich spüle meinen Mund aus, um den faulen Geschmack vom Erbrechen loszuwerden. Ich betrachte meinen dünnen, schwachen Körper noch einmal im Spiegel und gehe raus. Mein Weg steuert wieder Richtung Schlafzimmer. Doch als Lea anfängt, zu schreien, und mein Mann sich nicht regt, wahrscheinlich weil er eingeschlafen ist, gehe ich in ihr Zimmer, um sie zu beruhigen. Hochheben kann ich sie nun bereits seit Tagen nicht mehr. Ich versuche, sie also zu beruhigen. Doch als ich merke, dass nichts hilft und dass sie immer noch wie am Spieß schreit, mache ich mir Vorwürfe, dass ich es nicht mehr schaffe, mein eigenes Kind zu beruhigen. Und da sind sie wieder, die Tränen, sie schießen wieder in meine Augen. Ich merke, dass ich einfach zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Ich schaue noch einmal zu Lea und verlasse fluchtartig das Zimmer. Ich lege mich wieder hin und weine.

Kapitel 7

Seit der Auswertung des Tests ist bereits ein Monat vergangen. Wir, mein Mann und ich, versuchen, uns nicht anmerken zu lassen, dass es bald vorbei ist und dass uns die tiefe Trauer jetzt bereits erreicht hat. Es ist gerade Weihnachten. An diesen Tagen hat mein Mann immer frei. Früher haben wir mit den Kindern im Schnee herumgetollt. Heute kann ich nur noch aus dem Fenster zusehen, wie sie im Schnee spielen. Das Feuer des Kamins knistert. Ich schaue raus und sehe, wie der Schnee von dem Himmel auf den Boden fällt. Ich denke daran, was der Arzt gesagt hat: „Der Krebs hat sich schon soweit ausgebreitet, dass wir davon ausgehen können, dass sie nicht mehr lange haben. Höchstens 2 Monate.“ Ich höre diese Worte immer noch so klar und deutlich. Heute ist der Tag, an dem wir als Familie, wie jedes Jahr, in die Kirche gehen. Da ich schon zu schwach bin, zu Fuß zu laufen, schiebt mein Mann mich in einem Rollstuhl vor sich her. In der Kirche angekommen, höre ich mir die Zeremonie genauestens an. Ehrlich gesagt, glaube ich zwar an Gott, aber zweifele oft an ihm. Ich versuche, die Zeremonie so schnell wie möglich über mich ergehen zu lassen, doch dann am Schluss lausche ich dem Gebet. Es ist ein Gebet über Hoffnung. Darüber, dass es wichtig ist, Hoffnung zu haben, auch wenn das Leben einen runterreißt. Ich bin wie in einer Trance. Ich höre jedes einzelne Wort immer lauter in meinem Kopf. Und ich merke, wie meine Haare an den Armen zu Berge stehen. Gänsehaut. Gänsehaut, weil ich merke, wie mich das Gebet anspricht, wie es von einem anderen Leben berichtet, voller Qualen und Schmerzen, die auch ich fühle. Wie es erzählt, dass man diese überwinden kann, wenn man den Glauben an Gott findet und ihn stärkt, durch das Beten. Als wir wenig später zu Hause angekommen sind, setze ich mich, nachdenklich von der Zeremonie, wieder in mein Bett. Aus Neugierde, wie es sich anfühlt und ob man sich durch das Beten wirklich mit Gott verbunden fühlt, probiere ich es aus. Ich falte also meine Hände, schließe meine Augen und fange an, zu erzählen. Einfach alles zu erzählen, was mich bedrückt.

Kapitel 8

Es sind jetzt schon wieder einige Wochen vergangen. Ich fand in diesen Wochen meinen Glauben und meine Liebe zu Gott. Ich bete nun jeden Tag. Selbst vor dem Essen beten wir gemeinsam als Familie. Ich befasste mich auch mit dem Leben nach dem Tod. Und für mich ist jetzt klar, ich brauche keine Angst davor zu haben. Ich brauche keine Angst zu haben, meine Augen zu schließen und sie nie wieder zu öffnen. Denn Gott nimmt mich auf. Ich wünsche mir einfach nur vom ganzen Herzen, dass ich meine Lieblinge von oben her beschützen kann. Es ist mittlerweile viel Zeit vergangen. Laut den Ärzten sollte ich schon längst unter der Erde liegen. Also nutze ich jede Sekunde, um mit meiner Familie die letzte Zeit, die uns bleibt, so schön wie möglich zu verbringen. Meine Schmerzen lassen nach, ich übergebe mich nicht mehr jeden Morgen und ich habe meine Liebsten um mich. Ich habe keine Hoffnung, aber ich habe meinen Glauben, an den ich festhalte, so lange wie es geht. Ich merke, wie er mich aus meinen schlechten Phasen zieht und mir hilft, das Positive zu sehen.

Kapitel 9

Heute. Heute ist es dann so weit. Es ist Juni. Meinen Geburtstag habe ich doch noch erleben können. Doch heute merke ich, wie schwach ich bin. Ich merke, dass es heute soweit ist, dass ich meine Familie verlassen muss. Es macht mir nichts aus, weil ich weiß, dass ich trotzdem immer da sein werde. Ich bin Gott dankbar, dass er mir die Kraft gab, so lange durchzuhalten. Dass ich Kraft hatte, die letzte Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Mein Mann sitzt neben mir auf der Bettkante. Mein Atem ist schwer und langsam. Meine Schmerzen spüre ich schon nicht mehr. Ich versuche, meine Zehen zu bewegen, aber selbst das gelingt nicht mehr. Ich schaue Michael tief in die Augen, ich merke, wie mir Tränen in die Augen schießen, aber trotzdem lächle ich. Ich nicke ihm so gut wie es noch geht zu und er begreift direkt, was ich meine. Auch er bekommt Tränen in die Augen, verabschiedet sich von mir, wie eigentlich jeden normalen Morgen. Er gibt mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Ich erinnere mich an die ganzen schönen Tage zusammen. Und plötzlich wird mir schwarz vor Augen, mein Atem und mein Herzschlag werden langsamer. Ich schließe meine Augen, weil sie zu schwer geworden sind. Bei meinem letzten Atemzug spüre ich ein letztes Mal die Wärme der Hand meines Mannes, eine Träne rollt mir über die Wange und dann... nichts mehr.

Kapitel 10

Mein Tod ist mittlerweile eine Woche her. Heute ist meine Beerdigung. Und ich habe Recht behalten. Ich bleibe für immer bei meinen Lieblingen, auch wenn sie mich nicht sehen können. Ich stehe nun hier oben und schau auf sie herab. Ich sehe meine Kinder täglich wachsen und das ist für mich das Wichtigste auf der Welt. “Ich liebe euch!“

Ende

Zwei Schwestern

In München, im Bundesland Bayern, lebte eine Familie namens Altberg.

Paul Altberg war selbstständiger Steuerberater in einer Kanzlei. Er verdiente gut und arbeitete zusammen mit seinem besten Freund aus Kinderzeiten als Partner. Sie investierten viel Zeit und Geld in ihr Unternehmen. Für seine Familie hatte er ein Haus gekauft, welches abbezahlt werden musste, denn sein verstorbener Vater, welcher es Paul vererbt hatte, konnte den Kredit in den schweren Zeiten nicht mehr bezahlen. Paul war mittleren Alters. Man sah ihm die viele Arbeit im Gesicht an. Seine Augenringe waren tief, blau, und sein Blick meist trostlos.

Seine Frau Melanie war einige Jahre jünger als Paul. Sie schenkte ihm ziemlich früh ein Kind, das sie Alina nannten. Oft hatten die Eltern Schwierigkeiten mit ihrer 18-Jährigen Tochter. Andauernd herrschte Streit zwischen der zweiten, ungeplanten, siebenjährigen Tochter Lara und Alina. Paul und Melanie versuchten, zusammenzuhalten, vor allem auch, wenn schwierige Zeiten in Pauls Unternehmen aufkamen. Durch Verlust im Geschäft herrschte selten Harmonie im Haus der Altbergs. Von Jahr zu Jahr musste die Familie mehr und mehr um ihre Existenz kämpfen, jedoch sah Paul es nicht ein, das Haus seines verstorbenen Vaters zu verkaufen.

Eines Tages kam Paul von der Arbeit nachhause zu seiner Familie, wo seine Frau schon auf ihn wartete. Die älteste Tochter Alina hatte an jenem Tag Geburtstag. Zusammen warteten sie auf Lara. Niemand sagte etwas, es herrschte Stille. Melanie, langsam einen Kuchen anschneidend, fragte: „Wie war die Schule, Alina?“ Diese erwiderte etwas gelangweilt: „Super.“ Wieder herrschte Stille. Plötzlich rief Alina aufgebracht: „Denkt ihr, wir merken nicht, dass ihr unglücklich seid? Ich höre immer und immer wieder eure Streitereien. Außerdem habe ich gehört, dass ihr Lara eigentlich gar nicht haben wolltet. Wir sind an allem schuld, was euch passiert ist! Ihr gebt uns die Schuld!!!“

Auf einmal knarrte die Haustür und Lara kam zum Vorschein und stand im Türrahmen, sie hatte alles mitgehört. Alinas Geburtstag war gelaufen. Melanie brach in Tränen aus und lief ihrer jüngsten Tochter hinterher, die abrupt kehrt gemacht hatte: „Lara, warte! So haben wir das nicht gemeint!“ Lara verschloss mit einem lauten Knall die Tür hinter sich. Einige Stunden später, nach langem Schweigen der ganzen Familie, wollten Paul und Melanie noch einige Einkäufe erledigen. Paul rief hoch zu den Zimmern der Mädchen: „Wir fahren zum Supermarkt, wir sind bald wieder da. Bis später!“

Einige Stunden verstrichen, jedoch die Eltern kehrten nicht nach Haus zurück. Lara quengelte: „Ich hab Hunger, Alina.“ Alina antwortete: „Ja, Mama und Papa kommen bestimmt gleich wieder, dann bekommst du etwas.“ Mittlerweile war es jedoch schon 21 Uhr und die Läden hatten alle geschlossen. Alina bekam langsam Panik und ihr schwirrten verschiedene Szenarien im Kopf herum, was wohl mit ihren Eltern passiert war, dass sie noch nicht nachhause gekommen waren. Lara sagte weinerlich: „Sie haben uns im Stich gelassen. Sie wollen mich nicht mehr.“ Alina nahm Lara auf den Schoß und sagte zu ihr: „Denk so etwas nicht! Sie kommen sicherlich jeden Augenblick durch die Tür und drücken dich ganz fest!“

Plötzlich klingelte es an der Tür. „Ich habe es dir ja gesagt, Lara“, sagte Alina zu ihrer Schwester. Sie öffnete die Tür und staunte. „Guten Tag! Polizei Officer Schulz mein Name. Sind sie Alina Altberg?“ Alina antwortete kleinlaut und etwas in Panik: „Ja, die bin ich.“ Der Polizist erzählte Alina, dass ihre Eltern bei einem schweren Autounfall ums Leben gekommen waren. Sie beachteten ein Vorfahrtsschild nicht und wurden von einem anderen Auto mit voller Wucht erfasst. Beide erlagen sofort ihren Verletzungen.

Alina setzte sich völlig perplex und wie gelähmt aufs Sofa. Lara, die alles mitbekommen hatte, weinte bitterlich, genau wie Alina. Beide waren völlig ratlos, was sie nun tun sollten.

Einige Tage vergingen, die Beerdigung folge, und das Jugendamt stand vor der Tür. Sie sagten, da Lara noch minderjährig war, brauchte sie nun einen neuen Vormund, der für sie sorgen sollte. Entweder sollte sie von einer anderen Familie adoptiert werden oder Alina sollte die Verantwortung übernehmen, da sie mittlerweile 19 Jahre alt war. Alina übernahm, ohne zu zögern, die Vormundschaft ihrer kleinen Schwester. Fünf Tage später erreichte sie eine neue Nachricht. Alina und Lara mussten sich eine andere Bleibe suchen, da ihr Haus zwangsversteigert werden sollte. Alina war schließlich noch nicht kreditwürdig, da sie nicht arbeitete. Sie hatte also keinerlei Ahnung, was sie und ihre Schwester nun tun sollten.

Sie mussten lernen, sich selbst zu versorgen, da sie auch keine näheren Verwandten hatten. Wochenlang versuchten sie, sich über Wasser zu halten, indem Alina sich einen eher schlecht bezahlten Job suchte, bei dem sie allerdings direkt ihren Lohn bar ausgezahlt bekam. Lara besuchte einige Wochen lang nicht die Schule, was jedoch entschuldigt wurde, da ihre Eltern verstoben waren.

Die zwei Geschwister kamen immer wieder ein paar Tage bei Freunden der Eltern oder Alinas unter. Als Alina eines Tages in der Schule war, hörte sie von Mitschülern, dass sie gesucht werde. Ein Mann in einem schicken Anzug kam ihr entgegen und bat, mit ihr an einem ruhigen Plätzchen reden zu können. „Frau Altberg, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Wir haben das Testament ihres Vaters geöffnet. Sie und Ihre Schwester erben den Firmenanteil Ihres Vaters. Außerdem hat er scheinbar vor langer Zeit eine Lebensversicherung abgeschlossen, die ihnen nun ausgezahlt wird.“

Einige Wochen später verkaufte Alina den Firmenanteil ihres Vaters und erhielt genug Geld, um sich und ihrer Schwester einen guten Lebensstiel zu ermöglichen. Alina und Lara besuchten oft das Grab ihrer Eltern, um ihnen diverse Neuigkeiten zu erzählen, und mit der Zeit spielte sich ein angenehmer Alltag bei den Schwestern ein, wodurch sie den schrecklichen Tod der Eltern langsam aber sicher verarbeiten konnten.

Hiobsbotschaft

Mein Name ist Rosalie Anderson, ich bin fünfunddreißig Jahre alt und führe ein recht bescheidenes Leben mit meinem Mann Derek.

Wir hatten nie viel Geld, doch es reichte, um über die Runden zu kommen und um sich ab und zu doch etwas gönnen zu können.

Letztes Jahr im August hatten wir geheiratet. Es war keine große Hochzeit, doch für mich war es der schönste Tag in meinem Leben. Ich gehörte nicht zu der Sorte von Mädchen, welche von einer Kutsche mit weißen Pferden träumte oder einem Brautkleid, welches so pompös war, dass man fast unter der Last des Stoffes zusammenbrach, geschweige denn zwei der fünf Brautjungfern brauchte, um auf Toilette gehen zu können.

Viele gestalten ihre Hochzeit so kitschig, dass man zwischen dem Kleid der Braut, der dreistöckigen Hochzeitstorte und dem ganzen anderen überteuerten Kitsch, den eigentlichen Sinn einer Hochzeit vergisst, nämlich dass zwei Liebende sich das Ja-Wort für die Ewigkeit geben und versprechen, sich zu lieben in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod sie scheidet.

Derek und ich lebten in einer Drei-Zimmer-Wohnung am Rande von New York.

Auch wenn unser Heim nicht besonders groß war, so war es doch gemütlich und ich war froh, es mein Zuhause nennen zu können.

Ich liebte es, wenn mir in den kalten Wintermonaten der Geruch von Holz und Feuer entgegenkam, sobald ich die Haustür aufschloss und Derek sah, wie er gerade ein neues Stück Holz in den Kamin legte.

Aber auch der Sommer ließ mich jeden Tag gerne in unserem Bett wach werden und gab mir das Gefühl, angekommen zu sein. Denn was gab es schöneres, als wenn die warmen Sonnenstrahlen einen morgens wach werden ließen und der Sonnenuntergang die Küche und das Wohnzimmer durch das große Balkonfenster orange färben ließ.

Ich wachte auf, als der Geruch von frischen Brötchen und gebratenen Eiern mit Speck mir in die Nase stieg.

Die Sonne schien durch das offene Fenster direkt in mein Gesicht, während eine leichte Sommerbrise die weißen Vorhänge zum Wehen brachte.

Ich streifte mir meinen schwarzen Morgenmantel über und ging dem Geruch nach, welcher mich wach werden ließ.

In der Küche stand Derek und füllte gerade einen Teller mit Eiern und Speck.

„Guten Morgen, mein Schatz, hast du gut geschlafen?“

Immer noch ein wenig verschlafen, rieb ich mir die Augen und setzte mich an den gedeckten Frühstückstisch.

„Guten Morgen. Ja habe ich, leider war die Nacht nur wieder viel zu kurz. Aber womit habe ich mitten in der Woche ein solches Frühstück verdient?“

Derek entwich für einen kurzen Moment das Lächeln, mit dem er mich empfang hatte, als ich in die Küche kam.

„Heute ist unser Hochzeitstag, Rose!“

Er brachte ein kurzes Lächeln über die Lippen, doch ich sah, dass es ihm wehgetan hatte, dass ich unseren ersten Hochzeitstag vergessen hatte.

Ich vergrub mein Gesicht in die Hände und schüttelte langsam den Kopf, dann schaute ich wieder zu ihm auf.

„Es tut mir leid. Ich habe im Moment so viel Stress auf der Arbeit, dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht.“

Ich stand auf und nahm ihn in den Arm, während ich meinen Kopf an seine Brust presste.

„Ich weiß“, sagte er und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Es tut mir so leid, das ist unser erster Hochzeitstag und ich vergesse ihn.“

„Schon in Ordnung, Rose, ich weiß, was du im Moment um die Ohren hast, aber nichtsdestotrotz solltest du vielleicht versuchen, in der nächsten Zeit wieder ein bisschen mehr auf dich zu achten. Der ganze Stress in der Firma tut dir nicht gut.“

„Du hast ja Recht, nur wir brauchen das Geld. Die ganzen Rechnungen bezahlen sich nicht von alleine und wenn ich die Kampagne an Land ziehe, steht meiner Beförderung nichts mehr im Weg. Wir haben dann endlich eine Sorge weniger, was das Finanzielle betrifft.“

„Das weiß ich doch alles, Rose, aber es würde dir bestimmt auch mal ganz gut tun, wenn du dir eine Auszeit nimmst.“

„Nach der Kampagne, Derek, versprochen.“

Ich wusste, dass ihm meine Antwort nicht gefiel und dass er mir wahrscheinlich auch nicht glaubte, dass ich mir nach der Kampagne eine Auszeit nehmen würde. Im Grunde glaubte ich mir das selbst noch nicht einmal, doch er ging nicht weiter auf die Diskussion ein.

Nach dem herzhaften Frühstück machte ich mich fertig, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zur Arbeit.

Auf dem Weg dorthin machte ich mir Gedanken, wie ich das Vergessen unseres Hochzeitstages wieder gutmachen könnte. Ich überlegte mir, ihn zu überraschen, indem ich uns ein schönes Abendessen kochte und zur Abwechslung mal früher zu Hause war als er.

Doch da wusste ich noch nicht, dass das Frühstück die letzte gemeinsame Mahlzeit sein würde, die wir zusammen genossen hatten.

Als ich gegen achtzehn Uhr die Haustür aufschloss, hatte ich es tatsächlich geschafft, früher zu Hause zu sein als Derek.

Ich schaute auf die große Küchenuhr über der Spüle und fing an, zu lächeln.

Ich hatte noch gut eine Stunde Zeit, um ein Meisterwerk auf den Tisch zu zaubern.

Ich stellte die vollen Einkaufstaschen auf den Tisch und machte mich an die Arbeit.

Kurz vor sieben war das Essen servierbereit. Ich zündete noch ein paar Kerzen in der Wohnung an und setzte mich dann an den gedeckten Tisch. Ich war mehr als froh, es geschafft zu haben, und das Essen duftete köstlich. Die Uhr zeigte zwei Minuten vor sieben an. Erwartungsvoll schaute ich auf die Tür. Ich konnte es förmlich hören, wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde und Derek die Tür öffnete.

Doch dem war nicht so. Mittlerweile zeigte die Uhr bereits halb neun an. Die Kerzen brannten langsam ab und das Essen war kalt geworden.

Ich war enttäuscht und fing langsam, an den Tisch abzudecken, als es plötzlich klingelte.

Als ich die Tür öffnete, hatte ich Derek erwartet, welcher seinen Schlüssel vergessen hatte, doch dem war nicht so. Vor der Tür standen zwei Polizisten mit ernsten Gesichtern.

„Sind sie Rosalie Anderson?“

„Ja, die bin ich. Kann ich Ihnen helfen?“

„Könnten wir vielleicht reinkommen?“

„Worum geht es denn?“, fragte ich, denn ich war mehr als verwundert.

„Es geht um Ihren Mann, Miss Anderson“, sagte der größere von den beiden Polizisten, auf dessen Namenschild A. Watson stand.

Ich merkte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Ich schaute auf die Uhr – kurz nach neun. Derek war über zwei Stunden zu spät, das war, soweit ich mich erinnern konnte, noch nie passiert, und nun standen zwei Beamte vor meiner Tür. Ich merkte, wie mir langsam die Übelkeit in den Rachen stieg.

„Was ist passiert?“, meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

„Wollen Sie nicht lieber reingehen und sich setzen? Was wir Ihnen zu sagen haben, sollten wir nicht vor der Haustür besprechen.“

Ich machte nur eine Handbewegung in Richtung des Wohnzimmers, in dem die ersten Kerzen langsam anfingen, zu erlöschen.

Ich setzte mich auf das Sofa, denn ich wusste, dass das, was jetzt kommen würde, mir den Boden unter den Füßen wegreißen würde.

„Miss Anderson, wie Sie sicherlich bereits gemerkt haben, haben wir keine guten Nachrichten für Sie. Ihr Mann Derek ist heute bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt.“

Ich merkte, wie sich der Raum um mich herum anfing, zu drehen, und mir schwarz vor Augen wurde, dann sackte ich auf dem Sofa zusammen.

Als ich meine Augen öffnete, konnte ich den Raum, in dem ich mich befand, erst nicht zuordnen. Doch dann wurde mir schlagartig klar, dass ich mich im Krankenhaus befinden musste.

Als ich meinen Kopf leicht zur Seite neigte, sah ich einen Monitor, welcher meinen Puls und meine Herzfrequenz anzeigte. Das Summen der Maschine war monoton und ließ den kahlen Raum noch kühler und leerer wirken.

Nach einigen Minuten öffnete sich die Zimmertür und eine Krankenschwester trat in das Zimmer.

Sie lächelte, als sie die Tür hinter sich schloss und langsam auf mein Bett zukam.

„Na, wie geht es Ihnen?“

„Was ist passiert? Ich weiß nur noch, dass zwei Polizisten bei mir waren und…“

In dem Moment fiel mir alles wieder ein. Ich wusste, warum sie da gewesen waren. Sie waren da, um mein Leben von einer Minute auf die andere zu zerstören.

Meine Augen füllten sich mit Feuchtigkeit. Ich konnte die Tränen, die mir wie Regentropfen die Wangen hinunterliefen, nicht zurückhalten und vergrub mein Gesicht in die Hände.

Die Krankenschwester setzte sich auf den Rand des Bettes und legte mir eine Hand auf die Schultern.

Auch wenn ich das junge Mädchen nicht kannte, so hatte ihre Hand auf meiner Schulter doch etwas Beruhigendes.

„Ich kann mir vorstellen, dass das gerade nicht einfach für Sie ist, aber nachdem sie eingeliefert wurden, haben wir Ihnen gleich Blutproben entnommen und dabei kam heraus, dass Sie bereits im zweiten Monat schwanger sind.“

„Schwanger?“, ich dachte, ich hörte nicht richtig. Wieder fing alles an, sich um mich herum zu drehen, und Übelkeit stieg in mir auf.

Normalerweise war ein Kind mit Derek mein größter Traum gewesen, doch nun, da er nicht mehr bei mir war, wusste ich nicht, ob ich mich freuen oder heulen sollte.

Ich hatte gerade mal vor ein paar Stunden die Benachrichtigung bekommen, dass die Liebe meines Lebens tot war. Er war an unserem ersten Hochzeitstag ums Leben gekommen.

Ich hatte einen Berg voller Rechnungen auf dem Küchentisch liegen und wusste nicht, wie ich sie begleichen sollte. Wie ich sie alleine begleichen sollte.

Meine Augen füllten sich erneut mit salzigem Wasser, bei dem Gedanken daran, dass ich ab sofort nicht nur alleine weiterleben musste und dass ich keine Ahnung hatte, wie ich nun alleine die Miete bezahlen sollte, geschweige denn wie ich einem Kind eine Zukunft bieten sollte.

Als hätte die Krankenschwester meine Gedanken gelesen, drückte sie meine Schulter ein wenig fester und sagte: „Ich weiß, das ist jetzt alles ein bisschen viel auf einmal, aber Sie werden das schon schaffen.“

„Ein bisschen ist gut. Erst erfahre ich, dass mein Mann tot ist, und nun soll ich ein Kind von ihm erwarten. Verstehen Sie mich nicht falsch; hätte ich diese Nachricht vor einer Woche bekommen, wäre ich vermutlich der glücklichste Mensch auf der Welt gewesen, aber so? Wie soll ich alleine ein Kind großziehen? Im Moment ist eine Schwangerschaft das Letzte, was ich gebrauchen kann.“

„Ich kann Sie gut verstehen, doch sehen Sie es doch mal von einer ganz anderen Seite. Sie haben zwar Ihren Mann auf tragische Art und Weise verloren, aber durch ihr Baby, welches Sie in Ihrem Bauch tragen, wird immer ein Teil von Ihrem Mann bei Ihnen sein.“

Ich fing an, ein wenig zu lächeln. Das, was die Schwester soeben gesagt hatte, war tatsächlich ein schöner Gedanke. Ich stellte mir vor, wie er oder sie die stahlblauen Augen von Derek hatte, und die dunkelbraunen Haaren. Dieses nahezu perfekte Lächeln, welches es schaffte, mir in jedem Moment ein Gefühl von Wärme zu geben.

Der Gedanke daran war wirklich schön und löste in mir ein Gefühl von Frieden aus. Ohne dass ich es wollte, legte ich meine Hände auf den Bauch, um das, was in mir langsam zu einem Menschen heranwuchs, zu beschützen.

Zehn Monate später.

Noch immer verging kein Tag, an dem ich nicht an Derek denken musste, doch der Schmerz, den ich am Anfang noch verspürt hatte, hatte sich von Tag zu Tag verändert.

Es fing an, weniger wehzutun, wenn ich an ihn dachte, auch wenn es immer noch ein komisches Gefühl war, wenn ich morgens aufstand und die andere Seite des Bettes leer vorfand.

Doch ich war nicht mehr ganz alleine. Vor drei Monaten brachte ich ein gesundes Mädchen zur Welt. Ich nannte es Emma. Derek hatte diesen Namen geliebt, er sprach immer davon, dass, wenn wir eines Tages ein Mädchen bekommen sollte, sie Emma heißen sollte. Damals mochte ich den Namen nicht und lachte ihn aus, doch nun konnte ich mir keinen schöneren Namen auf dieser Welt vorstellen. Emma war einfach perfekt. Sie hatte seine Augen und immer, wenn ich sie auf dem Arm hatte, schenkte sie mir dasselbe Lächeln, welches mir Derek jeden Tag geschenkt hatte.

Es war eine schwere Zeit für mich, doch ich schaffte es. Ich schaffte es, die Kampagne an Land zu ziehen und befördert zu werden.

Am Anfang fiel es mir sehr schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, doch Emma gab mir die Kraft, nicht aufzugeben.

Ich hatte mit ihr ein neues Ziel, das Ziel, ihr eine Zukunft zu bieten.

Dereks Tod war eine Hiobsbotschaft für mich, genauso wie die Nachricht, dass ich schwanger war. Ich dachte, mein Leben würde den Bach runtergehen, doch im Nachhinein war die Schwangerschaft das Einzige, was mir von Derek noch geblieben war und mir Kraft gab, mich nicht aufzugeben. Durch Emma war Derek immer noch jeden Tag bei mir, und das nicht nur in meiner Erinnerung.

Ein modernes Hiobs-Szenario

Dass es hätte passieren können, stand schon lange im Raum. Dass es gefährlich war, wusste eigentlich jeder, der dem Nachmittagsfernsehen keinen Glauben schenkte. Aber wir hatten es verleugnet. Es war uns egal.

„Das ist gefährlich“, hatten sie gesagt. „Das wird sich eh nicht durchsetzen, das ist nur eine Modeerscheinung“, sagten sie. Und wir? Wir hatten sie ausgelacht. Und womit? Mit Recht. Sie verstanden es nicht, sie gaben sich nicht einmal die Mühe, es zu verstehen. Aber wir hatten es verstanden. Dachten wir.

Sie nannten es Neuland. Für uns war es der Beginn einer neuen Ära. Blöd nur, dass wir dachten, es würde eine großartige Ära werden.

Es hatte so viele Vorteile: Alles war jedem zugänglich, jederzeit:

Kommunikation war so einfach wie nie zuvor. Wer telefoniert bitte, wenn es Internet gibt?

Mal eben unterwegs schon einmal den Backofen vorheizen? Kein Problem!

Ein Buch bestellen, ohne vom Sofa aufzustehen? Warum nicht?

Lebensmittel? Bequem von zuhause aus eingekauft.

Blumen gegossen? Per Knopfdruck erledigt.

Höchstens aufs Klo gehen mussten wir selbst. Wenigstens hatten wir ein Klo. Mit Wasserspülung. Ohne Internet. Ohne Teilen-Button auf dem Spülkopf.

Und jetzt?

Jetzt haben wir einen Klappspaten und ein paar Blätter und eine besser nicht zu betretende Region um unser Versteck herum, die täglich größer wird.

Niemand konnte sich bis dato ernsthaft ausmalen, wie die Welt untergeht. Aliens oder Zombies braucht man nicht. Das Internet ist mörderisch. Vor allem, wenn es nicht da ist.

Wie wichtig es für unsere Gesellschaft war, hatten wir alle nicht erkannt. Die wenigsten hatten es gerade mal geahnt. Klar gab es Hypothesen. Wie sollte die heutige Jugend bloß ohne Facebook und WhatsApp den Tag rumbekommen?

Aber hatte einmal jemand daran gedacht, was passiert, wenn ein ganzes System einbricht?

Wenn keine dienstliche E-Mail mehr ankommt, keine App vor Gewitter warnt und kein Überwachungssystem dieser Welt mehr funktioniert?

Wenn das Pentagon offline und die lokale Polizei nur noch zu Fuß erreichbar ist?

Wenn die Menschen keinen strengen Blick mehr auf ihrer Schulter spüren?

Wenn man nicht weiß, was im Nachbardorf passiert?

Wenn alles um vier Jahrzehnte zurückversetzt ist?

Wenn der bequeme deutsche Beamte auf einmal seine Arbeit nicht mehr am Computer erledigen kann und der amerikanische Polizist nicht direkt weltbekannt ist, sondern fast unerkannt bleibt?

Wenn Chaos und Anarchie die Welt erobern und man das erst erkennt, wenn es zu spät ist?

Wenn die Welt untergeht und man nicht einmal mitbekommt, warum?

Wenn das Internet dir nicht einmal sagt, dass die Welt auch ohne ominöse Maya-Kalender untergeht?

Unser ganzer Verwaltungsapparat? Ist mit dem Internet untergegangen.

Kommunikation? Mittlerweile ist den Menschen bewusst geworden, dass Rauchzeichen deutlich ineffizienter sind als IMS.

Und Unterhaltung? Zumindest ist es unterhaltsamer, dem Gras beim Wachsen zuzusehen als das Nachmittagsfernsehen zu „genießen“. Aber Griechenland hat wieder genauso viel Geld wie der Rest der Welt: Absolut Nix. Unser Banksystem funktioniert ohne Internet in etwa so gut wie Demokratie in Nordkorea. Aber ohne Internet scheint auch Kim Jong Un von der Bildfläche verschwunden zu sein.

Aber auch ohne Internet realisieren wir so langsam, dass die Menschheit durchdreht. Im Versteck fragen wir uns mittlerweile, ob es am Ende zu einer neuen Gesellschaft kommt oder zu einer Apokalypse. Wir dachten, der Dritte Weltkrieg würde von Militärs ausgefochten, aber letztendlich steht jeder gegen jeden. Wir hatten damals das Ende des Internets für einen Scherz gehalten, es war aber eine Hiobsbotschaft.

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